Selegna Sol

Angelus Novus

- Statt eines Prologs -

Trotz der rückwärts fliegenden Engel im Titel handelt es sich bei SELEGNA SOL bzw. selegnasol.de - anders als manche Besucher es befürchtet, manch andere es erhofft haben mögen - weder um eine esoterische, womöglich gar der Schwarzen Magie huldigende, noch um eine sonstwie religiöse Site. Eher schon darf man bei den rückwärts fliegenden Engeln an die These IX aus Walter Benjamins Aufsatz Über den Begriff der Geschichte denken, worin er schreibt:

“Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.” (Hervorhebungen im Original) (Benjamin, Walter: Gesammelte Werke, Bd. II, Frankfurt am Main: Zweitausendeins, o. J., S. 961)

 

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Letzte Aktualisierung dieser Site: 09.09.2017

 

Übersicht über die Beiträge dieser Site

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Eigenheim (mühsam erarbeitetes)
 
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“Fluchtursachen bekämpfen!”
 
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Selegna Sol: Die Siedlung und das Grandhotel “En el precipicio”
 
Sich selber akzeptieren
 
Sich täglich neu erfinden
 
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Vertrag, nichtiger
 
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Zerstreuung
09.09.2017: Christentum
 
09.09.2017: Äußerlichkeiten (IV)
 
03.09.2017: Erfahrung (III)
 
03.09.2017: Vergeben und Vertrauen
 
03.09.2017: Autonome
 
03.09.2017: Äußerlichkeiten (III)
 
03.09.2017: Kunst
 
16.08.2017: Sich selber akzeptieren
 
16.08.2017: Konservativ
 
23.06.2017: Erfahrung (II)
 
23.06.2017: Team
 
10.06.2017: Lifestyle
 
10.06.2017: Erlebnis
 
10.06.2017: Begeisterung
 
10.06.2017: Sich täglich neu erfinden
 
10.06.2017: Äußerlichkeiten (II)
 
10.06.2017: Selbstfindung
 
10.06.2017: “Wir haben die Erde nur von unseren Kindern gepachtet.”
 
13.05.2017: Porno
 
13.05.2017: Reife
 
13.05.2017: Äußerlichkeiten (I)
 
07.05.2017: Gute Ratschläge
 
07.05.2017: Weltanschauung
 
07.05.2017: Kommunismus
 
07.05.2017: Mit sich im Reinen sein
 
05.04.2017: Eigenheim (mühsam erarbeitetes)
 
05.04.2017: Bürgerliche Gesellschaft
 
05.04.2017: Direkte Demokratie
 
05.04.2017: Foto-Tourismus
 
05.04.2017: Meinung (II)
 
05.04.2017: Meinung (I)
 
02.04.2017: Erfahrung
 
02.04.2017: Gott
 
02.04.2017: Ich
 
28.03.2017: Auf den Hund gekommen
 
28.03.2017: Kritisch
 
28.03.2017: Mainstream
 
28.03.2017: Ideologie
 
12.06.2016: Unlösbare Rätsel: Pilotom, Koan und Kapital
 
24.04.2016: Plasma-Bilder
 
24.04.2016: Kultur (II): Lüge und Wahrheit
 
20.03.2016: Identität
 
28.12.2015: “Fluchtursachen bekämpfen!”
 
28.12.2015: Europa und die Flüchtlinge
 
28.12.2015: Flüchtlinge
 
05.09.2015: Idyll (Trostlosigkeit)
 
30.08.2015: Kommunikation (Sprachlosigkeit)
 
21.07.2015: Geheimnis (Vergiß es, Baby!)
 
20.02.2015: Kultur (Aufblaspuppe)
 
22.12.2014: Gentleman
 
15.11.2014: Zerstreuung
 
11.11.2014: Die Gesellige Läuterung des Kapitalismus - 20 Thesen zur Freiwirtschaft
 
16.09.2014: Auchmenschen
 
24.08.2014: Hip-Hop
 
23.08.2014: List der Vernunft
 
22.08.2014: Fotomania
 
17.04.2014: Die Siedlung Selegna Sol und das Grandhotel “En el precipicio”

 

Fotomania

Die Manie, unaufhörlich und allerorten alles und jeden mit Kamera oder Smartphone in ein Bild zu bannen, verbindet in sich den Allmachtswahn des modernen Subjekts mit der rituellen Bewältigung, der unsere Urahnen aus grauer Vorzeit ihre Angst vor dem Unbekannten unterzogen: Indem alle Welt geknipst wird, wird sie in Bann geschlagen und festgehalten, auf daß keine Gefahr mehr ausgehe von ihr.

Die fotografische Weltherrschaft über Landschaften, Dinge und Personen läßt sie in den Besitz des Fotokraten übergehen und hält sie ihm gleichzeitig vom Leibe. So halten denn Urlaubsfotos insbesondere von einem Stück Natur oder Architektur nicht die schönsten, sondern die schlimmsten Augenblicke fest: Noch ehe das Objekt seinen Zauber auf ihn auszuüben, ihn in eine besondere Stimmung zu versetzen vermag, hat der Fotomane schon sein Bild geschossen - und ist fertig: Eiaculatio praecox. Woran wird ihn die betreffende Aufnahme beim späteren Betrachten erinnern? Daran, daß er sie geknipst hat: Dementia praecox der besonderen Art: das Vergessene hat nicht einmal existiert.

Etwas anders - und doch nicht völlig unähnlich - scheint es sich mir mit dem ebenfalls weitverbreiteten Usus zu verhalten, sich selbst und seine Freunde bei jeder sich bietenden Gelegenheit - gern in ausgelassener Stimmung, gern in Gruppenformation - zu fotografieren. Das mutet an, als wären solche Menschen von der Angst getrieben, ihr Leben für eine Illusion halten zu müssen, wenn sie Situationen gemeinsamer Ausgelassenheit nicht als beweiskräftiges Dokument ihrer Lebensfreude festhielten. Nicht von ungefähr ist diese Art der Fotomanie besonders unter Jugendlichen beliebt: Wenn junge Menschen, die noch mitten in der Ausbildung ihrer Persönlichkeit sich befinden, der heutzutage nach Kräften geschürten Zwangsvorstellung aufsitzen, sie bedürften dafür nicht der Auseinandersetzung mit der Welt, sondern die Welt hätte grad auf sie gewartet, und sich mit Ihresgleichen zusammentun, um “was zu erleben”, dann besteht die Lebensfreude, die darin aufkommt, häufig genug im Zusammenwirken lauter kleiner Wirbelwinde, die je um ein Zentrum kreisen, worin die Ahnung davon keimt, daß so das Leben, welches man genießen will, nicht ist, und zugleich der unbedingte Wille west, die eigene und der anderen Ausgelassenheit doch unerschütterlich als Lebensfreude (“pur”) zu nehmen - weshalb die Beteiligten ihre Illusion gegen jene Ahnung rigide ins Recht setzen, indem sie sie unanfechtbar im Bild festhalten. Man muß zu diesen Menschen gehören oder mit dem einen oder anderen der Abgelichteten befreundet oder gut bekannt sein - andernfalls findet man in der Regel solche Fotos auf eine sehr grundlegende Weise nichtssagend und langweilig.

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Hip-Hop

“Hip-Hop ist Nazi-Musik!”, bemerkte Alfred W. Hilmarson neulich in einem Gespräch mit mir; und wie meist noch seine maßlosesten Übertreibungen enthält auch diese hier nicht nur ein Körnchen Wahrheit, sondern einen dicken, harten wahren Kern: Sofern nämlich im Hip-Hop - vielleicht durchaus im Gegensatz zu seinen möglicherweise ursprünglich vorhanden gewesenen sozialprotestlerischen Intentionen - die Verherrlichung des ökonomischen, sozialen und kulturellen Ghettoelends samt Gangstertum und Frauenfeindlichkeit betrieben wird, eignet ihm durchaus etwas Völkisches, Faschistoides. Und der Musikstil mit seiner uniformen dilettantischen Rhythmik und seiner deutlichen Tendenz zur Gleichschaltung wie auch zur ästhetischen Vernichtung (- der Hip-Hop-Stil vernichtet dabei auch alles, was er coveringshalber an Fremdem sich einverleibt -) verleiht solchem Fascho-Kitsch den angemessenen (un)ästhetischen Klangteppich.

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Auchmenschen

Immer wieder gern werden in Debatten und Diskussionen sog. Auchmenschen erwähnt - von den einen aus Gedankenlosigkeit, von anderen, um gleich zu einem großen Aber überzuleiten. Wer da nicht alles zu den Auchmenschen zählt! Hier ein paar Beispiele:

Was den Auchmenschen, bei aller Heterogenität der in diese Kategorie fallenden Individuen, grundsätzlich auszeichnet, ist, daß es sich bei ihm um keinen richtigen Vollmenschen handelt: als Auchmensch, d. h. als eine Art Android, als Quasi-Mensch steht er immer mehr oder weniger unterhalb des eigentlichen Menschen - was den einen oder anderen vom Auchmenschen auch schon mal als einem Untermenschen sprechen läßt.

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Zerstreuung

Man zerstreut sich: bei Spiel und Spaß, beim Internet- und Fernseh-Kucken oder im Kino, auf dem Rummelplatz oder im Erlebnispark, in Café und Kneipe; beim spontanen Gespräch mit Freunden, beim Spaziergang, beim Lesen der Zeitung oder eines Romans ... Man zerstreut sich, wenn und indem man weder ganz bei sich ist noch einem oder mehreren Menschen, einer Sache, einer Leidenschaft oder einer Situation ganz sich hingibt. Man war vielleicht konzentriert: auf eine Arbeit, bei der Lektüre eines philosophischen Buches oder involviert in eine politische Debatte; vielleicht hat man grad intensiv geliebt oder hat einer sonstigen Leidenschaft glühend gefrönt - und nun zerstreuen sich die vorher auf Eines konzentrierten Kräfte, der Körper entspannt sich, die Sinne fliegen aus, sich anderem zu öffnen, und wohlig ermattet liegt man neben der oder dem Liebsten oder sitzt bei Sonnenschein draußen am Tisch eines Straßencafés vor einem Cappuccino oder einem frischen Bier und steckt sich 'ne Lulle ins Gesicht ... Wie auch immer: jetzt gibt es nicht Zweck noch Ziel, Gedanken und Sinne vagabundieren durch die Weltgeschichte und lassen sich gleich oder bald wieder gefangennehmen durch verschiedenes, was sich ihnen rundherum, auf dem Schirm, auf Papier, aus Lautsprechern oder im eigenen Kopf darbietet - aber ohne sofort wieder vollständig sich zu konzentrieren oder wirklich sich hinzugeben. Das Ich dissoziiert vor sich hin und ist nirgends so recht.

Konzentration oder Hingabe einerseits, Zerstreuung andererseits: beider Zustände im ständigen Wechsel bedarf es. Fehlt das eine oder das andere oder kommt es zu kurz, mangelt es an (Kontur der) Persönlichkeit oder an Aufgeschlossenheit: Man wird zum Getriebenen der Sinne und inneren Impulse im einen, zum Besessenen oder zum komischen Kauz im andern Fall. (Beides bedeutet Unfreiheit.)

Konzentration und Hingabe werden heute wohlzwar häufig eingefordert - allein: die Zerstreuung wird mehr und mehr zum einzigen Prinzip, zur Grundverfassung des Geistes. So blöde die Rede von der Freizeitgesellschaft auch ist: ihr eignet immerhin die Registrierung des tatsächlichen Sachverhalts, daß die Freizeit - in ebendieser Rede immer als Gegenpol, als Komplementärstück zur Erwerbsarbeit verstanden - den spielerischen und entspannenden Ausgleich zur ernsten und angespannten Arbeit darstellt und als dieser Ausgleich eine immer gewichtigere, immer umfassendere Rolle spielt. Das hat natürlich und wesentlich mit der zunehmenden Bedeutung des Freizeit- und Unterhaltungsmarktes zu tun: Das Bedürfnis, sich von der Arbeit zu erholen, ist vom Gegenpart der Arbeit, dem Kapital, als Geschäftssphäre entdeckt worden und wird von ihm in immer vielfältigerer und raffinierterer Weise bedient. Hand in Hand einher damit - ohne daß man recht zu urteilen vermöchte, was Ursache, was Wirkung sei - geht die “Erholisierung” des Geistes: Mehr und mehr meinen die Menschen in der modernen und postmodernen Gesellschaft, die in der Arbeit ganz außer sich sind, in der bloßen Erholung, in der reinen Zerstreuung endlich ganz bei sich zu sein. Ausgerechnet! Sind sie im Arbeitsleben zur Gänze Bedingungen ausgesetzt, die sie nicht in der eigenen Hand haben, und Zwecken unterworfen, die nicht die ihren sind, so lassen sie sich in ihrer Freizeit zum Spielball von diffusen Eindrücken und Impulsen machen; ihr Ich zerstreut sich und ist überall und nirgends. Da wird pizzaessenderweise mitunter gleichzeitig getwittert, telefoniert, ferngesehn, Musik aus dem Netz gesaugt, per Facebook oder via eMail ein Date vereinbart und nebenher womöglich noch an der Bachelor-Arbeit rumgedoktert.

Diese Tendenz treibt in der Welt der modernen Medien besonders extreme Blüten, die auf den Geist zurückwirken: Smartphone, Facebook und Twitter sind heutzutage Werkzeuge und Medien, die die Persönlichkeit zur völligen Zerstreuung: nämlich zur vollendeten Zerstreutheit, zur Auflösung verführen bzw. so etwas wie Persönlichkeit möglicherweise gar nicht erst heranreifen lassen: Das Ich verliert sich in der virtuellen Welt. Die Bemerkung Adornos in seiner Minima Moralia, daß es “bei vielen Menschen ... bereits eine Unverschämtheit [ist], wenn sie Ich sagen”, stellt in der heutigen (nach-)bürgerlichen Gesellschaft Wahrheit nicht mehr, wie zu Adornos Zeiten, bloß über “viele”, sondern über womöglich die Mehrheit der in ihr lebenden Menschen dar.

Im Zuge der permanenten Revolutionierung der Arbeitswelt durchs Kapital greift das geistige Prinzip der Zerstreutheit auch zusehends auf diese Arbeitswelt über und dort in wachsendem Maße Raum - ohne dabei das Spannungsfeld zwischen ihr und der Freizeit zu beseitigen: Konzentration gibts im Arbeitsleben mehr und mehr nur noch fragmentarisch und in sog. professioneller, d. h. gleichgültiger, mechanischer Weise; m. a. W.: Die mechanische Vereinseitigung der geistigen und körperlichen Kräfte, die einst das Schicksal der Fabrikarbeiter war, ist zum allgemeingültigen Prinzip der Arbeitswelt geworden - und wird nun, im Unterschied zu früher, vielseitig genutzt: Die geistlose, geistzerfressende Form von Aufmerksamkeit verteilt sich jetzt auf mehrere Gegenstände bzw. Vorgänge gleichzeitig. Dieses zunehmende Multitasking der menschlichen Arbeitskraft befördert sicherlich nicht die Qualität der Prozesse - weshalb ja auch in wachsendem Maße ein Qualitätsmanagement, eine extra Anstrengung für die Qualitätssicherung zum Arbeitsprozeß hinzutreten muß -, dafür aber auf jeden Fall die Rentabilität und Profitabilität der Arbeitskraftnutzung. Mag sein, daß das Prinzip allgemeiner geistiger Zerstreutheit die Arbeitswelt nicht bloß erfaßt hat, sondern vom Streben des Kapitals nach möglichst allseitiger Nutzung der Arbeitskraft überhaupt allererst in die Welt gesetzt worden ist - entscheiden will ich das an dieser Stelle nicht. Aber eine Korrespondenz zwischen beiden Phänomenen besteht unbedingt.

Die Degradierung des Arbeiters zum Anhängsel der Maschine hat solcherart sich entwickelt zur Entseelung aller Erwerbsarbeit. Noch die wachsende Berücksichtigung von “Befindlichkeiten” und der zunehmende Einzug kommunikationspsychologischer Regulierungen in Betriebe und Unternehmen zeugen von der Entgeistigung und Entseelung des Erwerbslebens: Das seelische Befinden des Einzelnen wird zum Kalkül der betriebswirtschaftlichen Rechnungsführung, und statt daß miteinander gesprochen wird, wird nur noch “kommuniziert”: Worthülsen wechseln nach strengen Regularien zwischen den “Kommunizierenden” hin und her. (Dieses Schicksal hat die u. a. von Paul Watzlawick mitbegründete Kommunikationspsychologie, auf die ich keine geringen Stücke halte, wahrlich nicht verdient.)

Die Zerstreutheit also ist allgemeines Prinzip geworden - und ihr euphorisch-euphemistisches Motto hat sie in der Devise gefunden, daß man permanent neu sich erfinden müsse. Klar: wer keine Persönlichkeit hat, muß - ganz situationsgerecht, versteht sich - ad hoc dauernd neue Persönlichkeiten, genauer: Persönlichkeitssurrogate erfinden. Das Individuum, von der Philosophie der Aufklärung ursprünglich gedacht als unverwechselbare Persönlichkeit, die in ihm selbst ihre Substanz hat, ist zur flexible response auf Situationen, Gegebenheiten und Impulse geraten: in ebendiesem Sinne zu einem bloßen “Reaktionär” geworden.

Wo keine Persönlichkeit west, herrscht auch niemand, der wirklich - im Kantschen Sinne - über Urteilsvermögen zu verfügen sich rühmen könnte: Gedankenlosigkeit macht mehr und mehr sich breit - in der Arbeitswelt sowohl wie in der Sphäre der Freizeit. Das ist auch zu bemerken am zunehmenden Verfall von Sprache und Schrift - den beiden objektiven Medien des Denkens: Kaum jemand mehr vermag heutzutage noch fehlerfrei einen ganzen Satz über die Lippen, geschweige denn zu Papier zu bringen oder in die Tastatur zu hacken. Bemerken kann man die wachsende Zerstreutheit ebenfalls daran, daß es fast unüblich schon geworden ist, konsequent und kontinuierlich auf ein Ziel, einen Zweck hin zu arbeiten: Mehr und mehr Menschen bekommen einfach nix mehr auf die Reihe. Selbst Liebe und Sex dienen nur noch der Zerstreuung und sind zumeist so voller Spannung und Erregung wie der Eindruck, den man gewinnt, wenn man die Zunge zum Fenster rausstreckt.

Gemessen an der herrschenden Zerstreutheit stellt die Figur des zerstreuten Professors direkt noch einen liebenswerten Charakter dar: Ganz gefangen von seinem - wie man heute sagen würde: - “Projekt”, vermag der Professor, der diesem “Projekt” vollkommen, ja besessen sich verschrieben hat, wenns um die Dinge des Alltags geht, von seiner Konzentration auf das “Projekt” nicht Abstand zu nehmen und sein Augenmerk auf die Notwendigkeiten des banalen Lebens zu richten - so daß er mit leerer Aktentasche, bei Sommerwetter in Winterkleidung gehüllt, zur Vorlesung geht. Im Vergleich zu den vielen, die in ihrer Teilhabe an der allgemeinen Zerstreutheit Künstler, zumindest Lebenskünstler sich wähnen, ist der zerstreute Professor wirklich ein Künstler.

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Kultur (Aufblaspuppe)

Okay:

Na ja:

Aber das hier?:

Und jetzt auch noch:

Wann endlich?:

Bei dieser galoppierenden Inflation von Kultur, die einhergeht mit einer schier grenzenlosen Fragmentarisierung und Vereinzelung in der Wahl all dessen, was da jeweils in den Rang eines Schöpfers, eines Trägers oder eines Ausdrucks von Kultur erhoben wird - mithin: wenn jeder Furz als kultureller Beitrag, als kulturelle Bereicherung zu nehmen ist (- ach ja, genau: “Flatulenzkultur” -), bleibt dem Gentleman und der Dame von Welt nur noch, eines gepflegten Kulturbanausentums (um nicht zu sagen: Kulturbolschewismus') zu frönen und, trotz der nur geringen Aussicht auf Erfolg, die, freilich äußerst dickhäutige Aufblaspuppe, die Kultur heute darstellt, zu allen möglichen Gelegenheiten mit Nadelstichen zu traktieren. Die übelriechende Luft, die dann den Einstichlöchern entweicht, ist Zeugnis eines im Innern dieser Puppe vor sich gehenden Verwesungsprozesses, der die ihr innewohnende Kumulation von Kultur als kulturzerstörerische und krankmachende Pilzkultur ausweist.

Scheiß-Kultur!

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Mit sich im Reinen sein

Kann man in bezug auf die eine oder andere einzelne Angelegenheit. Nie aber in toto: Im verkehrten Ganzen ein richtiges Leben zu führen, ist ein Ding der Unmöglichkeit, da man in diesem Falschen ganz praktisch leben und so dessen Widersprüchlichkeit in sich aufnehmen muß. Gegen die zu leben sich zu bemühen, ist dennoch eine lobenswerte und befreiende Anstrengung, die etwa aus einem bloßen Mann einen Gentleman zu machen vermag.

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Geheimnis (Vergiß es, Baby!)

Der inflationäre Gebrauch des Terminus ‘Geheimnis’, wie man ihn heutzutage betreibt, erweckt den Eindruck, daß es Geheimnisse scheints nicht zu entdecken mehr gibt. Allesmögliche, und sei es noch so banal oder sei's gar erstunken und erlogen, wird zum Geheimnis aufgebauscht, nur um es sodann - entgeltlich oder unentgeltlich - mit großem Tamtam sensationell zu enthüllen: das “Geheimnis des (!) Erfolges” (- kommt in zahlreichen Titeln verschiedener Erfolgsratgeber oder -seminare vor -), “das Geheimnis kluger Entscheidungen” (Buchtitel), “das Geheimnis glücklicher Kinder” (Buchtitel), “Geheimtipps” zur Bewahrung von Jugendlichkeit bis ins hohe Alter oder gleich das berühmte “Geheimnis ewiger Jugend”, das “Geheimnis” eines rundum und dauerhaft befriedigenden Liebeslebens, das “Geheimnis” der Sterne - von populärwissenschaftlichen Astronomen ebenso bemüht wie von Astrologen -, das “Geheimnis” der heilenden Kräfte irgendwelcher Steine: (endlich) enthüllt!

Die (post-)moderne Gesellschaft duldet keine Geheimnisse mehr und will von allem “Geheimnisvollen” den Schleier reißen: das “Geheimnis” guten Unterrichts, das (mathematische) “Geheimnis” der Zahlen, die (neurobiologischen) “Geheimnisse” des Gefühlslebens, das “Geheimnis” der Elektrizität, das “Geheimnis” optimaler Menschenführung: alles kein Geheimnis mehr, sondern enthüllt, enträtselt und erklärt. Die professionellen “Enthüller” gleichen einem Detektiv, der sich - und das auf wenig originelle Weise - seine sensationell gelösten Fälle einfach selber schafft. Nur ihrem eigenen Geheimnis kommt diese Gesellschaft in ihrer Enthüllungs- und Aufklärungssucht (- worin Aufklärung zur bloßen Geste verkommen -) nicht auf die Spur - was sie nicht weiß, aber womöglich, mehr unbewußt als bewußt, ahnt; und in Abwehr dieser Ahnung erfindet sie lauter Geheimnisse, um sie wie Pappkameraden in der Luft zu zerfetzen und sich ebendarin als aufgeklärte Gesellschaft zu (sug-)gerieren.

Und ebensowenig wie die Paparazzi, so duldet auch das um sich selbst wirbelnde und in bloße Virtualität sich auflösende postmoderne Individuum, welches sein eigenes (meist wenig sensationelles, eher ziemlich langweiliges) Privatleben ins Netz oder sonstwie in die Öffentlichkeit stellt, bei anderen das Private, vor der Öffentlichkeit Verborgene. - Die Erfahrung von etwas wirklich Geheimnisvollem ist ihm fremd. Daß etwas ihm noch Geheimnisvolles durch innige persönliche Erfahrung ihm sich offenbare, widerfährt ihm nicht, ist ihm womöglich unheimlich. Es trampelt durch die Landschaft, durch die Natur, oder durchrast sie mit seinem Rad - um der Gesundheit oder eines abstrakten Leistungsstolzes willen. Es sucht den Nervenkitzel, weil es zur Leidenschaft, zur Hingabe ans Objekt oder an einen anderen nicht fähig. Es liebt, um geliebt zu werden. Sinn kennt es nicht, nur Zwecke. Sexualität ist ihm womöglich nie eine Offenbarung gewesen (außer vielleicht, ganz nebelhaft, bei den ersten Malen), sondern dient ihm als bloßes Mittel zum Spannungsabbau, zur Zerstreuung, zum Ausgleich des “Triebhaushalts”. Es bleibt sich selbst ein ewiges Geheimnis ... ein Geheimnis, vor dessen Erfahrung, Enthüllung ihm graut - zu Recht ...

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Kommunikation (Sprachlosigkeit)

“Kriterium des Wahren ist nicht eine unmittelbare Kommunizierbarkeit an jedermann. Zu widerstehen ist der fast universalen Nötigung, die Kommunikation des Erkannten mit diesem zu verwechseln und womöglich höher zu stellen, während gegenwärtig jeder Schritt zur Kommunikation hin die Wahrheit ausverkauft und verfälscht. An dieser Paradoxie laboriert mittlerweile alles Sprachliche.” (Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag, 2003, S. 51 f.)

Eines der großen Verdienste der von Paul Watzlawick mitbegründeten und vor allem von ihm publik gemachten systemischen Kommunikationspsychologie bestand in der Sichtbarmachung und ausführlichen Ergründung des Beziehungsaspektes der menschlichen Kommunikation: Der Blick auf die Beziehungsebene und die Erforschung der auf dieser Ebene ablaufenden (oder ablaufen könnenden), oft quasi-autonomen “Mechanismen” und der damit zusammenhängenden möglichen “Störungen” in der Kommunikation enthüllen bis zu einem gewissen Grade die schuldlos-schuldige Verstrickung und Verstricktheit des modernen Individuums in seinen gesellschaftlichen Zusammenhang im Bereich der direkten menschlichen Interaktion, wie Marx sie seinerzeit für die ökonomische Ebene der bürgerlichen Gesellschaft ausführlich dargestellt hat. Die allerdings schon von Anfang an vorhandene Tendenz einer gewissen Überbetonung des Beziehungsaspektes (1) brach sich dann aber bei den Epigonen der systemischen Kommunikationspsychologie schnell Bahn und verwandelte diese Disziplin mehr und mehr in ein technisches Rüstzeug gelungener Kommunikation, wobei der Gradmesser des Gelingens zunehmend vom eigentlichen Inhalt abgelöst wurde. “Macht kein Gulasch daraus”, warnt Watzlawick noch einen der großen Pioniere der systemischen Kommunikationspsychologie im deutschsprachigen Raum, Friedemann Schulz von Thun, als der daran geht, den Beziehungsaspekt in die drei Ebenen: Selbstoffenbarungs-, Beziehungs- und Appellebene zu zerlegen. Später werden in Schule und Ausbildung, im Studium und auf etlichen Weiter- und Fortbildungsseminaren Schüler, Azubis, Studenten und Teilnehmer mit Schulz von Thuns Modell der vier Schnäbel und der vier Ohren (“Nachrichtenquadrat” bzw. “Kommunikationsquadrat”) traktiert. Kommunikation gerät dabei - in ständiger Weiterentwicklung dieses Modells - zusehends zu einer Technik, die, richtig beherrscht, erstens allemöglichen Probleme zu lösen und zweitens allemöglichen Zwecke durchzusetzen vermöchte (- um diese zweite Linie geht es insonderheit auf Verkaufs-, Management-, Unternehmens- und Politikerseminaren). Alles ist Kommunikation und Kommunikation ist alles: das ist Moses und die Propheten postmodern degenerierter Kommunikationspsychologie. Wer die Kommunikation beherrscht, beherrscht heute die “Situation”, morgen den Markt und übermorgen die ganze Welt - so scheinen manche der betreffenden Strategen und Berater zu träumen.

Aber auch von der Ausschlachtung der Kommunikationspsychologie für Kapital und Politik mal abgesehn: Die regelrechte Auflösung der “kommunizierten” Inhalte und Gegenstände, um die es in Gesprächen geht und die nur über Sprache ins Bewußtsein gelangen - Sprache ist das Medium des Denkens und nicht ein bloßes Kommunikationsmittel -, in gegenseitiges Verstehen (oder den Schein davon) im Sinne einer Metakommunikation (= Kommunikation zweiten Grades, also Kommunikation über Kommunikation), läßt Sprache zum technischen Werkzeug gerinnen und solche Angelegenheiten wie Wahrheit und Sinn nicht nur zweitrangig werden, sondern, zumindest tendenziell, zu bloßen Konstrukten geraten: Für die Kommunikationspsychologie wie für den Konstruktivismus, mit dem sie von Anfang an verbandelt gewesen, sind Wahrheit und Sinn nichts anderes als - wennfrei kommunikativ vermittelte - subjektive Sichtweisen, die selbst wiederum auf Kommunikation beruhen. “Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt”: diesem Pippilotta-Credo scheinen sich Kommunikationsberater, Couches und kommunikationsaufgeklärte Bürger landauf, landab verpflichtet zu wissen - anstatt zu bemerken, was für eine Schizophrenie es darstellt, wenn man einerseits die Welt als durchaus etwas außerhalb des Subjekts Befindliches unterstellt (- lediglich noch radikalere Konstruktivisten als Watzlawick vertreten die Auffassung, die Welt existiere nur im Kopf - womit sie, außer der Welt, zugleich noch die Existenz des Kopfes glücklich um die Ecke gebracht haben (2) -), andererseits aber im selben Atemzug behauptet, die Wahrnehmungen des Subjekts von der Welt und seine Gedanken über sie hätten notwendigerweise nichts mit der Welt zu tun, und die Wirklichkeit würde sich allenfalls dann - rein negativ - bemerkbar machen, wenn das eigene Bild von ihr mit ihr konfligierte. Ein Passen zwischen Subjekt und Objekt solls schon geben, aber was im Kopf des Subjekts vorgeht, soll zugleich notwendig völlig objektfremd sein. Einem solchen Denken - auch wenn es sich das nicht eingestehen mag - geht es damit im Ziel um nichts anderes als um ein praktisches Passen des Subjekts zur Welt.

Unter der Hand nämlich wird solcher Art von Betrachtung die Welt zu einer Gegebenheit, mit der man nicht hadern kann, da man nur seine Sichtweise ändern muß, um sie akzeptieren und mit ihr seinen Frieden machen zu können. Die Welt, wie sie (eingerichtet) ist, gerät so selbst zur unumstößlichen Wahrheit, in der das Individuum mittels seiner kommunikativ vermittelten Sichtweise sich einzurichten und zu bewähren, sprich: sich ihr zu unterwerfen hat. Sich in der Welt, wie sie ist, d. h. wie Kapital und Politik sie her- und zugerichtet haben, zu bewähren und dies als Erfüllung der eigenen Individualität zu sehen: das macht aus einem öden Kassiererinnenjob eine “berufliche Herausforderung”, aus einem Müllentsorgungsangebot eine “Inspiration”, aus dem Handel “Spannung pur” (Lidl) und aus der bunt zusammengewürfelten Belegschaft, die (und indem sie) unterm gemeinsamen despotischen Kommando des betreffenden Unternehmens steht, ein “Team”; psychische und existentielle Krisen werden pauschal zu “Chancen” erklärt, Krankheiten zu sinnstiftenden Momenten, “Begeisterung” meint bloß noch Mitmachen ohne Wenn und Aber, und “Engagement” bedeutet nichts anderes mehr als selbstbewußten Gehorsam. An die Stelle von Sprache tritt die Sprachregelung, der Neusprech, worin das Denken den gegebenen gesellschaftlichen und ökonomischen Notwendigkeiten sich unterzuordnen hat: Das Marxsche Diktum von der Bestimmtheit des Bewußtseins durchs (gesellschaftliche) Sein, das als Einwand gegen den Kapitalismus gemeint war, erhält so eine ganz neue, noch viel umfassendere Dimension. Und solange die dem Kapitalismus unterworfenen Individuen die Unterwerfung ihres Denkens unter die Resultate ihres Tuns sich gefallen lassen und bereitwilligst mitvollziehen, bleibt jenes Marxsche Diktum leider nur allzu wahr.

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(1) Nicht nur gleichrangig neben den, sondern sogar über den Inhaltsaspekt läßt Watzlawick den Beziehungsaspekt treten, “derart, daß letzterer den ersteren bestimmt und daher eine Metakommunikation ist” (Watzlawick, Paul, et al.: Menschliche Kommunikation - Formen, Störungen, Paradoxien, Bern: Verlag Hans Huber, 1996, S. 56). Ja, die Kommunikation kann des Inhaltsaspektes sogar völlig entbehren: “Man kann nicht nicht kommunizieren” (ebenda, S. 53).

(2) Solchen Solipsisten möchte ich hier die folgenden Worte Piet Klockes widmen:

“Sie kennen doch bestimmt alle die schöne, uralte Geschichte von dem Mann, der glaubte, alles um ihn herum sei Einbildung?! Irgendwann war er es dann komplett leid und dachte sich nacheinander einfach alles weg: seine Frau, seinen Arbeitsplatz, die Wohnung, die Stadt, die ganze Welt und abschließend sich selbst! Als er dann nur noch als Geist im All herumschwebte, hörte er plötzlich eine Stimme: ‘Gott sei Dank bis du da, jetzt kann ich endlich Feierabend machen!’ Da fragte unser Mann geistesgegenwärtig: ‘Moment, vorher verrate mir netterweise, wie ich den letzten Rest von mir auch noch auflösen kann!?’ - ‘Ganz einfach, mach' es wie ich, schaff dir ein eigenes All und warte, bis jemand wie du vorbeikommt, der soll übernehmen, dann klappt's .... Wiederschaun!’ sagte die Stimme und war komplett verschwunden. Unser Mann legte sofort los, dachte sich ein All, schuf also einen Himmel und natürlich auch die Erde. Ja, und vielerorts wird behauptet, er hätte das in sieben Tagen erledigt!?” (Piet Klocke i. A. Prof. Schmitt-Hindemith: “Das geht alles von Ihrer Zeit ab!”, München: Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., 2000, S. 67 f.)

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Idyll (Trostlosigkeit)

Ein sehr schmaler Pfad ist es mitunter, der zwischen Idyll und völliger Trostlosigkeit verläuft: auf der einen Seite das steil und hoch aufragende Idyll, das einer in Romanen sich erlesen oder in Filmen sich erschaut hat, zu dem er in den Urlaub reist oder das er gar in seinen vier Wänden oder sonstwo selbst sich eingerichtet haben mag, dessen Gipfel er aber kaum wirklich zu erklimmen vermag; auf der anderen Seite der Abgrund der völligen Trostlosigkeit, in den er aufgrund der Enge des Pfades jederzeit hinabzustürzen droht. Vor allem der Versuch, die Höhen des Idylls zu ersteigen, ist mordsgefährlich: Rutscht man von seinem steilen Hang ab, landet man wohl kaum nochmal auf dem Pfad, sondern gleich in den Tiefen des Abgrundes. Doch selbst, wenn man den einsamen Gipfel erreicht hat, ist man dem Sog des Schlundes nicht entronnen: Hell scheint die Sonne dort oben, aber ein eiskalter, orkanartiger Wind geht, und schnell hat der einen zu Tale geschleudert.

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Identität

Was der Mensch am allerwenigsten benötigt, ist: Identität; es sei denn, sie bestünde in seiner je ganz persönlichen Weise, sich zu entfalten und zu entwickeln - also in seiner Persönlichkeit. Davon abgesehn ist Identität immer etwas, was dem Einzelnen von außen oktroyiert wird - sei es durch den stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse: Proletarier, Arbeitsloser, Akademiker, Kapitalist etc. - sei es durch politische Gewalt: Staatsbürger, Steuerzahler, Deutscher, HartzIV-Empfänger, Ausländer etc. - sei es ideologisch: Weißer, Schwarzer, Jude, Angehöriger des muslimischen Kulturraumes etc. (In bezug auf die ideologische Identitätsstiftung ist interessant, wie sehr da linke Kulturrelativisten und rechte Kulturalisten einander gleichen.)

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Kultur (II): Lüge und Wahrheit

Wenngleich Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft deren Kultur durchaus zu Recht als Lüge über die Realität dieser Gesellschaft, als beschönigenden ideologischen Reflex der harten Wahrheit des Kapitals denunzieren, so muß doch zugleich konstatiert werden, daß die Realität des Kapitals selbst eine Lüge darstellt, nämlich eine reale Verkehrung der Subjekte in bloße Träger von Eigenschaften und Fähigkeiten (- wie das besonders schlagend an den direkt schon so bezeichneten ‘Arbeitskräften’ zum Ausdruck kommt); eine reale Verkehrung gesellschaftlicher Verhältnisse zwischen Menschen in ein solches zwischen Dingen und ein dingliches zwischen Personen. Damit enthält die bürgerliche Kultur (bzw. was heutzutage noch davon übrig ist) als Beschönigung einer Wirklichkeit, die selber Lüge ist, selbst noch, in welch verdrehter Weise auch immer, ein Moment von Wahrheit: den Vorschein von etwas Besserem, das dem nicht eingelösten Glücksversprechen innewohnt, mit welchem Aufklärung und bürgerliche Gesellschaft einstmals angetreten.

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Ideologie

Sagen, was man weiß.
Nicht wissen, was man sagt.

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Mainstream

Wenn hierzulande etwas Mainstream ist, mag Mißtrauen angezeigt sein. Aber Mißtrauen ist noch keine Kritik. Hauptsache: nicht Mainstream - dies die Maxime derer häufig, die sich windschnittig dem Mainstream ihres eigenen Denkens fügen, ohne daran irre zu werden.

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Auf den Hund gekommen

(Früherer Titel: Hundsverstand)

Viele Menschen haben zu ihrem Verstand ein Verhältnis wie zu einem Hund: “Mein Verstand und ich: wir verstehn uns prima.”

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Kritisch

Kritisch sein heute: Der Herrschaft distanziert nach dem Munde reden und von Kritik nichts wissen wollen.

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Ich

Heutzutage bei vielen eine Lüge sondergleichen, sobald sie dieses Wort aussprechen.

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Gott

Nicht zu finden, wenn man ihn sucht.
Von ihm gefunden werden, wenn man ihn nicht sucht.

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Erfahrung

Bestätigung dafür, daß man's ja immer schon gewußt hat.
Andernfalls: Bestätigung dafür, daß Ausnahmen die Regel: das eigene unverrückbare Urteil, bestätigen.

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Meinung (I)

Auf ihrer Freiheit pochen.
Nichts gesagt haben wollen.

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Meinung (II)

Ein Urteil in Gestalt seiner Rücknahme äußern.
Jeden Scheiß in die Form eines Urteils kleiden wollen.

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Foto-Tourismus

Viel fotografieren.
Knips! Knips! Knips!
Nicht wissen, was man fotografiert.
Später, beim Betrachten der Bilder, sich daran erinnern, daß man's fotografiert hat.
Fotos als Statthalter nicht gemachter Erfahrung.
Keinerlei Objektbeziehung.

S. auch Fotomania

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Direkte Demokratie

Die gewaltträchtigen Verhältnisse des Kapitals.
Ohne staatliches Gewaltmonopol.
Ohne Demokratie.

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Bürgerliche Gesellschaft

Hat's mal gegeben: ich erinnere mich.
Sie wiederhaben zu wollen: grenzt an Kommunismus.
Das weiß ich.

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Eigenheim (mühsam erarbeitetes)

Ein Leben lang sich krummlegen für.
Wenn man dann darin wohnt: es am liebsten in die Luft sprengen.

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Kommunismus

Theoretisch: von der bürgerlichen Gesellschaft einst - unbewußt - versprochen.
Praktisch: immer schon von ihr bekämpft.
In toto: ihr ungeliebter Bruder.

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Weltanschauung

Die ganze Welt in der Tasche.
Quadratisch. Praktisch. Gut?

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Gute Ratschläge

Intention: gut gemeint.
Wirkung: mörderisch.
Das perfekte Verbrechen.

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Äußerlichkeiten (I)

Was einer denkt, welche Neigungen er hegt und welche Interessen er verfolgt: das ist natürlich Bestandteil seiner Persönlichkeit, seiner Individualität. Nichts aber sagt mehr über einen Menschen aus als sein Äußeres: seine Physiognomie, seine Mimik, seine Gestik, die Art, wie er sich kleidet und wie er die Haare trägt; wie er auftritt, wie er sich bewegt, wie er handelt. Erst im Äußeren zeigt er seine wahre Individualität - der gegenüber sein Inneres mitunter geradezu austauschbar erscheinen mag.

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Reife

Erlangt man nicht, wenn man es sich vornimmt.
Nicht wollen.
Bereit sein.

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Porno

Was übrigbleibt,
wenn man
vom Sex
den Sex
sich wegdenkt.

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“Wir haben die Erde nur von unseren Kindern gepachtet.”

Vertrag ohne Vertragspartner.
Nichtig.

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Selbstfindung

Weitergehn! Bitte weitergehn!
Hier gibt es wirklich nix zu sehn.

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Äußerlichkeiten (II)

“Das ist eigentlich ein ganz Lieber”: Vor Menschen, deren nähere Bekanntschaft mir man solcherart empfiehlt, graut mir. Das ist, wie wenn ein unangeleinter Pitbull auf mich zuraste und das Herrchen oder Frauchen von ferne riefe: “Der will nur spielen!”

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Sich täglich neu erfinden

Patentrezept für Leute ohne Persönlichkeit

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Begeisterung

Als Anspruch an einen Stellenbewerber gestellt, wird damit die Erfüllung noch der ödesten beruflichen Tätigkeit eingefordert als:
Berufung.

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Erlebnis

Wo es kein Erleben mehr gibt,
wird alles zum Erlebnis.

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Lifestyle

... heißt der Lebensstil bei Leuten, die keinen haben, aber über Mittel verfügen, so zu tun, als hätten sie einen. Wie dieses Bedürfnis geschmacklich nicht näher bestimmt ist, ist der Markt, der es befriedigt, auch entsprechend reich an Geschmacklosigkeiten.

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Team

Unzucht mit Abhängigen

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Erfahrung (II)

So viele Erfahrungen.
Kaum eine einzige.

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Konservativ

Muß man heute sein, wenn man daran festhalten will, was vor langer, langer Zeit durchaus auch einmal linker Anspruch war: das Glücksversprechen von Aufkärung und bürgerlicher Gesellschaft gegen deren schlechte Wirklichkeit zu behaupten und wahrzumachen.

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Sich selber akzeptieren

... wie man ist: Taugt nur, wenn man sich verändern will - also als zu überwindender Ausgangspunkt einer über sich selbst hinausgehenden Bewegung. Andernfalls - wie es nämlich in den meisten Therapieansätzen und von der überwiegenden Zahl psychologischer Ratgeber vertreten wird - ist es bloße, kritiklose Affirmation des eigenen Miefs - dem man doch zu entkommen hoffte.

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Kunst

Ein wirkliches Kunstwerk will nicht vom Betrachter verstanden werden.
Glücklich kann der sich schätzen, wenn das Kunstwerk ihn versteht.

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Äußerlichkeiten (III)

Je tiefer man in die Psyche der Menschen vordringt, um so gleicher werden sie. Es ist, als wenn die Individuen gar nicht um ihres inneren dunklen Wesens, sondern um ihres je einzigartigen Äußeren willen existierten. Das Wesen der Individuen liegt nicht so sehr in ihrem verborgenen Inneren als vielmehr in ihrer Erscheinung. In ihr drückt sich nicht ihr Wesen bloß aus: In ihr ist ihr Wesen. (Ihr Inneres ist lediglich Grundlage dafür - und insofern freilich überhaupt nicht unwesentlich.)

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Autonome

Linke wie rechte:
Agenten des völkischen Furors.

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Vergeben und Vertrauen

Voraussetzungen dafür, daß menschliches Handeln weder durch die Vergangenheit determiniert wird noch sich aller Aussicht begibt. Voraussetzungen dafür also, daß Handeln (als Sprengung dumpfer Kausalität) überhaupt erst möglich wird.

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Erfahrung (III)

“Die meisten Menschen wollen keine Erfahrungen machen. Auch hindern sie daran es zu tun ihre Überzeugungen.” (Walter Benjamin) (in: Benjamin, Walter: Gesammelte Schriften, Band VI, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1991, S. 89)

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Äußerlichkeiten (IV)

Man mag technisch noch so an seinem Äußeren, an seinem Auftreten herumdoktern: Wenn man sein Inneres nicht von seinem Äußeren überzeugt hat, rülpst das Innere (die Grundlegung des Äußeren) unanständig dazwischen und macht das Äußere eines Menschen - sein Wesen - unglaubwürdig ... nein, nicht unglaubwürdig, sondern in sich zerrissen. Glaubwürdig ist es gerade in dieser Zerrissenheit.
Man mache sich nichts vor.

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Christentum

Ein recht verstandenes Christentum - wie es etwa Karl Rahner u. a. in seinem Grundkurs des Glaubens (Freiburg i. Br.: Verlag Herder, 1976/2008) philosophisch-theologisch bestimmt und begründet hat - ist in gewisser Hinsicht durchaus mit der Kritischen Theorie Adornos und Horkheimers vereinbar. An und für sich sind christlicher Glaube und Kritische Theorie einander völlig äußerlich, werden aber durch das Moment der Haltung sehr wohl miteinander vermittelt. Dabei ist diese Haltung nicht etwas Drittes, was von außen hinzutritt, sondern etwas, das beiden notwendig immanent ist: Die Haltung, die aus dem christlichen Glauben folgt, und die der Kritischen Theorie innewohnende weisen starke Affinitäten zueinander auf - die ich für mich persönlich als Haltung eines Gentlemans nehme.

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