Selegna Sol

Angelus Novus

- Statt eines Prologs -

“Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.” (Hervorhebungen im Original) (These IX aus Walter Benjamins Aufsatz Über den Begriff der Geschichte - in: Benjamin, Walter: Gesammelte Werke, Bd. II, Frankfurt am Main: Zweitausendeins, o. J., S. 961)

 

Interessante Links

Impressum

Letzte Aktualisierung dieser Site: 18.11.2018

 

Übersicht über die Beiträge dieser Site

Beiträge, nach Stichworten geordnet Beiträge, retrovers chronologisch
Achtsamkeit
 
AfD
 
Äußerlichkeiten (I)
 
Äußerlichkeiten (II)
 
Äußerlichkeiten (III)
 
Äußerlichkeiten (IV)
 
Äußerlichkeiten (V)
 
Äußerlichkeiten (VI)
 
Antiautoritarismus
 
Antisemitismus, linker
 
Atheismus
 
Auchmenschen
 
Auf den Hund gekommen
 
Aus Leidenschaft
 
Autonome
 
Begeisterung
 
Bildung
 
Bildung (II)
 
Bildung (III)
 
Bürgerliche Gesellschaft
 
Christentum
 
Demokratie, direkte
 
Denken und Kritik
 
Denken und Wirklichkeit
 
Depression
 
Descartes
 
Dialektik
 
Dialektik der Medien
 
Dialektik von Gesetz und Erlösung
 
Eigenheim (mühsam erarbeitetes)
 
Engagement
 
Erfahrung
 
Erfahrung (II)
 
Erfahrung (III)
 
Erlebnis
 
Ethik und Ästhetik
 
Europa
 
Ferne so nah
 
“Fluchtursachen bekämpfen!”
 
Flüchtlinge
 
Flüchtlinge, Europa und die -
 
Fortschritt
 
Fotomania
 
Foto-Tourismus
 
Freiwirtschaft
 
Frieden
 
Geheimnis (Vergiß es, Baby!)
 
Gelassenheit
 
Geld
 
Genie der Sprache
 
Gentleman
 
Gesundheit
 
Gott
 
Graffiti
 
Grüne (Die Grünen)
 
Hip-Hop
 
Ich
 
Identität
 
Ideologie
 
Idyll (Trostlosigkeit)
 
Inspiration
 
Karl Kraus
 
Kapital und Krise
 
Kapitalismus
 
Kapitalismus (II)
 
Klamotten
 
Kommen
 
Kommunikation (Sprachlosigkeit)
 
Kommunismus
 
Kommunismus (II)
 
Konformismus
 
Konservativ
 
Kritisch
 
Kultur (Aufblaspuppe)
 
Kultur (II): Lüge und Wahrheit
 
Kulturbereicherung
 
Kunst
 
Lancia
 
Lebenslanges Lernen
 
Lebenslanges Lernen (II)
 
Lifestyle
 
List der Vernunft
 
Lohnarbeiter et al.
 
Loriot
 
Mainstream
 
Markt und Plan
 
Meinung (I)
 
Meinung (II)
 
Mitleid
 
Mit sich im Reinen sein
 
Mord und Sprache
 
Motivation
 
Münsinger Fackel
 
Öde und langweilig
 
Plasma-Bilder
 
Politik
 
Politik und Moral
 
Porno
 
Rätsel, unlösbare: Pilotom, Koan und Kapital
 
Ratschläge, gute
 
Reife
 
Reisen bildet
 
Selbstfindung
 
Selegna Sol: Die Siedlung und das Grandhotel “En el precipicio”
 
Seltsam?
 
Sich selber akzeptieren
 
Sich täglich neu erfinden
 
Sinnfrage
 
Sozialstaat
 
Späne
 
Stefans Bilder
 
Team
 
Team (II)
 
Unheilige deutsche Allianz
 
Vergeben und Versprechen
 
Vertrag, nichtiger
 
Weltanschauung
 
Werte
 
Werte (II)
 
Zerstreuung
05.12.2018: Kapitalismus (II)
 
05.12.2018: AfD
 
18.11.2018: Graffiti
 
18.11.2018: Klamotten
 
02.11.2018: Kulturbereicherung! Kulturbereicherung!
 
24.10.2018: Politik
 
22.10.2018: Die Grünen
 
18.10.2018: Öde und langweilig
 
09.10.2018: Lancia
 
09.10.2018: Reisen bildet
 
04.10.2018: Kommunismus (II)
 
04.10.2018: Genie der Sprache
 
04.10.2018: Aus Leidenschaft
 
16.09.2018: Mord und Sprache
 
14.09.2018: Die Ferne so nah
 
10.06.2018: Fortschritt
 
10.06.2018: Sozialstaat
 
10.06.2018: Frieden
 
08.04.2018: Linker Antisemitismus
 
24.03.2018: Bildung (III)
 
19.03.2018: Kapital und Krise
 
18.03.2018: Unheilige deutsche Allianz
 
23.02.2018: Ethik und Ästhetik
 
21.02.2018: Geld
 
21.02.2018: Descartes
 
21.02.2018: Denken und Kritik
 
21.02.2018: Karl Kraus
 
14.01.2018: Lebenslanges Lernen (II)
 
08.01.2018: Antiautoritarismus
 
08.01.2018: Mitleid
 
08.01.2018: Kapitalismus
 
27.12.2017: Nachtrag zum Beitrag Dialektik
 
27.12.2017: Konformismus
 
27.12.2017: Lohnarbeiter et al.
 
27.12.2017: Gesundheit
 
22.12.2017: Markt und Plan
 
22.12.2017: Motivation
 
22.12.2017: Achtsamkeit
 
16.12.2017: Dialektik von Gesetz und Erlösung
 
16.12.2017: Loriot
 
13.12.2017: Team (II)
 
13.12.2017: Werte (II)
 
13.12.2017: Gelassenheit
 
13.12.2017: Lebenslanges Lernen
 
05.12.2017: Atheismus
 
20.11.2017: Depression
 
19.11.2017: Äußerlichkeiten (VI)
 
18.11.2017: Bildung (II)
 
14.11.2017: Kommen
 
14.11.2017: Sinnfrage
 
14.11.2017: Dialektik der Medien
 
14.11.2017: Inspiration
 
13.11.2017: Werte
 
13.11.2017: Politik und Moral
 
13.11.2017: Seltsam?
 
15.10.2017: Denken und Wirklichkeit
 
15.10.2017: Dialektik
 
23.09.2017: Europa
 
23.09.2017: Äußerlichkeiten (V)
 
23.09.2017: Engagement
 
23.09.2017: Bildung
 
23.09.2017: Späne
 
09.09.2017: Christentum
 
09.09.2017: Äußerlichkeiten (IV)
 
03.09.2017: Erfahrung (III)
 
03.09.2017: Vergeben und Versprechen
 
03.09.2017: Autonome
 
03.09.2017: Äußerlichkeiten (III)
 
03.09.2017: Kunst
 
16.08.2017: Sich selber akzeptieren
 
16.08.2017: Konservativ
 
23.06.2017: Erfahrung (II)
 
23.06.2017: Team
 
10.06.2017: Lifestyle
 
10.06.2017: Erlebnis
 
10.06.2017: Begeisterung
 
10.06.2017: Sich täglich neu erfinden
 
10.06.2017: Äußerlichkeiten (II)
 
10.06.2017: Selbstfindung
 
10.06.2017: “Wir haben die Erde nur von unseren Kindern gepachtet.”
 
13.05.2017: Porno
 
13.05.2017: Reife
 
13.05.2017: Äußerlichkeiten (I)
 
07.05.2017: Gute Ratschläge
 
07.05.2017: Weltanschauung
 
07.05.2017: Kommunismus
 
07.05.2017: Mit sich im Reinen sein
 
05.04.2017: Eigenheim (mühsam erarbeitetes)
 
05.04.2017: Bürgerliche Gesellschaft
 
05.04.2017: Direkte Demokratie
 
05.04.2017: Foto-Tourismus
 
05.04.2017: Meinung (II)
 
05.04.2017: Meinung (I)
 
02.04.2017: Erfahrung
 
02.04.2017: Gott
 
02.04.2017: Ich
 
28.03.2017: Auf den Hund gekommen
 
28.03.2017: Kritisch
 
28.03.2017: Mainstream
 
28.03.2017: Ideologie
 
12.06.2016: Unlösbare Rätsel: Pilotom, Koan und Kapital
 
24.04.2016: Plasma-Bilder
 
24.04.2016: Kultur (II): Lüge und Wahrheit
 
20.03.2016: Identität
 
28.12.2015: “Fluchtursachen bekämpfen!”
 
28.12.2015: Europa und die Flüchtlinge
 
28.12.2015: Flüchtlinge
 
05.09.2015: Idyll (Trostlosigkeit)
 
30.08.2015: Kommunikation (Sprachlosigkeit)
 
21.07.2015: Geheimnis (Vergiß es, Baby!)
 
20.02.2015: Kultur (Aufblaspuppe)
 
22.12.2014: Gentleman
 
15.11.2014: Zerstreuung
 
11.11.2014: Die Gesellige Läuterung des Kapitalismus - 20 Thesen zur Freiwirtschaft
 
16.09.2014: Auchmenschen
 
24.08.2014: Hip-Hop
 
23.08.2014: List der Vernunft
 
22.08.2014: Fotomania
 
17.04.2014: Die Siedlung Selegna Sol und das Grandhotel “En el precipicio”

 

Kapitalismus (II) (05.12.2018)

Nicht grad die beste aller möglichen Welten.
Aber immer noch die beste aller bestehenden.

Zurück zum Seitenanfang

AfD (05.12.2018)

Ein Glücksfall für die deutsche Linke

Zurück zum Seitenanfang

Graffiti (18.11.2018)

Von manchen, mitunter durchaus rühmlichen Ausnahmen abgesehn, sind Graffiti weder Kunst noch überhaupt irgendetwas Künstlerisches. Auch transportieren sie in der Regel keine besonderen Botschaften, sondern setzen Reviermarkierungen. Zumeist stellen sie destruktive Akte privater Aneignung öffentlichen Raumes in zivilisationsfeindlicher, völkischer Absicht dar.

Zurück zum Seitenanfang

Klamotten (18.11.2018)

Die in wachsendem Maße um sich greifende ernstgemeinte (d. h. außerhalb der Jugend- und der pivateren Umgangssprache vorfindliche) Rede von Kleidung als Klamotten wähnt sich nicht abfällig. Doch Sprache läßt sich nicht so leicht überlisten, und so ergibt eine genauere Betrachtung der betreffenden sprachlichen Entwicklung im Zusammenhang mit der parallelen Entwicklung in der Mode und auf dem Hintergrund der allgemeinen ästhetischen Verrohung, daß die inflationäre Bezeichnung von Kleidungsstücken als Klamotten nur ein weiteres Zeugnis von der allgemein zunehmenden Respektlosigkeit anderen wie sich selbst gegenüber ablegt - häufig selbst dort noch, wo halbwegs ästhetisches Empfinden noch zu obwalten scheint.

Die Mode selbst hat die Verwandlung von Kleidung in Klamotten ganz praktisch auf den Begriff gebracht, indem sie die perverse Lust an der ästhetischen Geringschätzung, die das postmoderne Subjekt seinem eigenen Äußeren entgegenbringt, mit Textilien bedient, die ab Werk schon mit Ausbleichungen, Rissen und Löchern versehen sind (die sich die Anbieter teuer bezahlen lassen). Diesen shabby look kann man Jugendlichen vielleicht noch durchgehn lassen, aber wer als Erwachsener immer noch solche (in der Tat:) Klamotten trägt, praktiziert damit eine Selbstverachtung, in der, ähnlich wie bei überkandideltem Piercing oder Tatooing, auf regelrecht autoaggressive Weise der Haß auf die noch vorhandenen zivilisatorischen Momente an der eigenen Person wie überhaupt auf alles Zivilisatorische zum Ausdruck gelangt.

Zurück zum Seitenanfang

Kulturbereicherung! Kulturbereicherung! (02.11.2018)

... tönt es lobhudelnd aus den Mündern solcher, denen Kultur voll am Arsch vorbeigeht.

Als hätten die mit diesem zwiespältigen Lob bedachten Fremden nicht ganz andere Sorgen als die, jenen Kulturlosen oder sonstwem die Kultur zu bereichern.

Es verlangt auch niemand von ihnen. Die Rede von der Kulturbereicherung dient, wo nicht einfach dem Selbstlob des Laudators, der ideologischen Verklärung der unschönen Funktion, die die Flüchtlinge für bundesdeutsche Politik und Wirtschaft einzig haben: als Druckmittel auf die Herkunftsländer, als Manövriermasse in der innereuropäischen Staatenkonkurrenz und als Lohndrücker fürs Kapital.

Flüchtlinge
Europa und die Flüchtlinge
“Fluchtursachen bekämpfen!”

Zurück zum Seitenanfang

Politik (24.10.2018)

... ist ein dreckiges Geschäft: Dieses weitverbreitete, so abgeklärt daherkommende Urteil entspringt weder einer Enttäuschung noch einer Resignation, sondern stellt, wie die Marxistische Gruppe (MG) schon klarsichtig erkannte, eine Haltung dar, in der der berühmte, so oft bemühte kleine Mann theoretisch seinen Frieden mit den ihm oktroyierten Verhältnissen macht. Ich fürchte aber, das ist nur die halbe Wahrheit: Zu sehr gemahnt die Rede von der Politik als dreckigem Geschäft an die Verächtlichmachung der Parlamente als “Schwatzbuden”, hinter der, teils unbewußt, teils sprungbereit, immer schon der “Volkszorn” lauert.

Zurück zum Seitenanfang

Die Grünen (22.10.2018)

... können und können ihre historischen Wurzeln nicht verleugnen.

Daß sie als Partei Die Grünen doch immerhin ganz klar dem linken Politikspektrum zuzurechnen sind, gilt mir nicht als Einwand - allenfalls als ein Symptom dafür, wie heruntergekommen die Linke schon in den Siebzigern gewesen ist.

Zurück zum Seitenanfang

Öde und langweilig (18.10.2018)

Als “öde” und “langweilig” soll Thomas Maul ganz en passant in einem Post auf Facebook die Naturfreunde und Die Falken bezeichnet haben - was ihm heftig angekreidet worden ist. Dabei hat er sich da in vornehmster Zurückhaltung geübt: Schließlich ist öde und langweilig zu sein doch unbedingt das Vorteilhafteste, was man über jene Vereine sagen kann.

Zurück zum Seitenanfang

Lancia (09.10.2018)

Bei aller notwendigen Kritik am Mythos, zu dem das Auto selbst geraten ist, sei hier doch einmal eine Lanze für es geführt. Karl Kraus hatte schon zu seiner Zeit etwas am Auto entdeckt, was m. E. heute noch immer, ja vielleicht erst recht gilt, als er schrieb:

“Wie? die Menschheit vertrottelt zugunsten des maschinellen Fortschrittes, und wir sollten uns diesen nicht einmal zunutze machen? Sollten mit der Dummheit Zwiesprache halten, wenn wir ihr in einem Automobil entfliehen können?” (in: Die Fackel, Heft 264-265 (18.11.1908), S. 27 (Quelle: AAC-Fackel, abgerufen am 09.10.2018))

Zurück zum Seitenanfang

Reisen bildet (09.10.2018)

... sofern und indem es den Horzont erweitert. So wenig wie die deutschen Touristen der 50er, 60er und 70er, die im Ausland monierten, daß es da kein Eisbein mit Sauerkraut gibt, so wenig machen heutige deutsche Urlauber von jenem Bildungsangebot Gebrauch, wenn sie mit fremden Kulturen und Gebräuchen gnadenlos und undifferenziert sich vollsaugen und das als ungeheure Bereicherung empfinden, ohne irgendetwas verstanden oder begriffen zu haben: Sie öffnen sich dem Andersartigen unter Ausschaltung von Urteilskraft und Geschmack (wenn sie überhaupt über so etwas verfügen) - um sich selbst als unglaublich weltoffen und darin als, wie sie meinen, für Deutsche so völlig untypisch zu feiern. Sie merken nicht, wie typisch doitsch sie damit ticken.

Zurück zum Seitenanfang

Kommunismus (II) (04.10.2018)

In gewisser Hinsicht ist die bürgerliche Gesellschaft schon eine, wenn auch verkappte Form von Kommunismus: Über das Geld, wo es zum gesellschaftlich dominanten Verkehrsmittel geworden, ist allererst so etwas wie Gesellschaft im eigentlichen Sinne entstanden - wenngleich in der verdrehten Weise, daß es bloß ein unmittelbar gesellschaftliches - und darin durchaus kommunistisches - Verhältnis von Sachen, von Dingen hervorgebracht hat. (1) Über dieses Verhältnis stellt sich in der kapitalistischen Ökonomie erstmalig ein wirklich gesellschaftliches, d. h. alle Stammes- und Familienbande sprengendes Beziehungsgeflecht zwischen den Menschen her - ein Beziehungsgeflecht freilich, in welchem aufgrund der realen Verkehrung der gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen zueinander in solche zwischen bloßen Dingen lauter vereinzelte Einzelne einander begegnen. Die Gesellschaftlichkeit der Individuen existiert so als etwas außerhalb ihrer Bestehendes, das, als unmittelbare Beziehung von Dingen, das gesellschaftliche Leben in einer gleichsam naturgesetzlichen Weise bestimmt. Daher nimmt das gesellschaftliche Verhältnis der Menschen im kapitalistisch basierten Leben die Form eines Geflechtes von Sachzwängen an.

Kommunismus in einem rationellen Sinne hieße daher, dem der bürgerlichen Gesellschaft bzw. der kapitalistischen Ökonomie notwendig inhärenten verkappten Kommunismus durch Aufhebung der Verkehrung gesellschaftlicher in dingliche Beziehungen zum Durchbruch zu verhelfen, und zwar ganz im Sinne der Verheißung der Aufklärung aufs individuelle Glück. Daß der Einzelne sein Glück nicht gegen die Anderen, sondern mit ihnen erreiche: das ist der Zweck von rationell verstandenem Kommunismus - und dafür bedarf es weder einer Verstaatlichung der Produktionsmittel noch einer sonstigen Anordnung zur Aufhebung des Privateigentums; vielmehr handelte es sich bei einer kommunistischen Gesellschaft um die Wiederherstellung dessen, was Privateigentum in einem gewissen Sinne einmal war und durch das Kapital enteignet wurde. (2) Was die gesellschaftlichen Produktionsmittel wiederum betrifft, hieße Kommunismus schlicht und ergreifend, ihren Einsatz nicht mehr als Eigentums-, sondern als Verfügungsfrage zu regeln - im Sinne eines Darüber-Verfügens, das die Befriedigung der materiellen Bedürfnisse Aller sicherstellte - nicht mehr und nicht weniger. Und zwar ohne irgendwelche staatlichen “Ausgleichsleistungen”; stattdessen mit dem Zur-Verfügung-Stellen von Möglichkeiten, daß jeder endlich tatsächlich seines Glückes Schmied werden könne, also das wahrzumachen in der Lage sei, was unter kapitalistischen Produktionsbedingungen immer nur ein bloßes, nie wirklich gehaltenes Versprechen zu sein vermag. Kommunismus, recht verstanden, bedeutete also, die Sonntagsreden des Kapitalismus praktisch wahr werden zu lassen. Eben darum darf man, bei aller gebotenen radikalen Kritik an Kapital und Geld, nie hinter den Kapitalismus zurückfallen. Alles andere wäre reaktionär und faschistisch.

----------------------------------------------------

(1) Wie Hannah Arendt in ihrem Buch Vita activa oder Vom tätigen Leben (München: Piper, 2008, S. 56) ausführt, hat bereits die klassische Nationalökonomie eine uneingestandene Ahnung vom kommunistischen Kern der kapitalistischen Ökonomie gehabt:
   “Es war nicht erst Marx, sondern die liberalen Wirtschaftstheoretiker selbst, die zu der ‘kommunistischen Fiktion’ greifen mußten und von einem Interesse der Gesellschaft als solcher sprachen, das mit ‘unsichtbarer Hand’ (Adam Smith) das gesellschaftliche Verhalten aller Menschen leitet und so die Harmonie der widerstreitenden Interessen immer wieder herstellt.”
   Zu Marx selbst schreibt Hannah Arendt direkt im Anschluß:
   “Der Unterschied zwischen Marx und seinen Vorläufern war nur, daß er das Faktum widerstreitender Interessen ebenso ernst nahm wie die wissenschaftliche Hypothese einer diesem Widerstreit heimlich zugrundeliegenden Harmonie, und er war nur konsequenter, wenn er hieraus den Schluß zog, daß eine ‘Vergesellschaftung des Menschen’ automatisch zu einer Harmonisierung der Interessen führen würde; wie sich denn auch sein Vorschlag, die allen ökonomischen Theorien zugrundeliegende ‘kommunistische Fiktion’ in der Wirklichkeit zu etablieren, von den Lehren seiner Vorgänger vor allem durch größeren Mut auszeichnete.” (Ebenda)
   Marx hält sie dabei entgegen, daß der “nicht verstand - und in seiner Zeit schwerlich verstehen konnte - ..., daß die Keime einer kommunistischen Gesellschaft bereits in der Realität eines Nationalhaushalts vorgebildet waren und daß ihre volle Entfaltung nicht so sehr durch irgendein Klasseninteresse sabotiert wurde wie durch die damals schon veraltete monarchische Struktur des Nationalstaats.” (Ebenda)
   Die volle Entfaltung jener Keime hatte zu der Zeit, als Arendt dies schrieb, inzwischen längst stattgefunden, so daß jene in sich verkehrte und sich permanent selbst verkehrende, weil ausschließlich den Lebensnotwendigkeiten und der Akkumulation von Besitz und (abstraktem) Reichtum sich widmende “kommunistische” Gesellschaft ihren Siegeszug weitgehend vollendet hatte und Arendt sogar eine verdrehte Art und Weise der Realisierung des von Marx und Engels prognostizierten Absterbens des Staates konstatieren konnte:
   “Wo immer die Gesellschaft sich voll entfaltet und den Sieg über alle anderen, nicht-gesellschaftlichen Elemente davonträgt, zeitigt sie notwendigerweise, wenn auch in verschiedenen Formen, eine solche ‘kommunistische Fiktion’, deren Merkmal ist, daß in ihr wirklich mit ‘unsichtbarer Hand’ regiert wird, daß ihr Herrscher ein Niemand ist. Dann tritt das bloße Verwalten in der Tat an die Stelle von Staat und Regierung, was Marx ganz richtig als ein ‘Absterben des Staates’ vorausgesagt hat, wiewohl er sich irrte, wenn er meinte, daß nur eine Revolution dieser Entwicklung zum Siege verhelfen könnte, und sich verhängnisvoller irrte, wenn er glaubte, daß ein vollständiger Sieg schließlich in das ‘Reich der Freiheit’ führen würde.” Ebenda, S. 56 f.)

(2) Ebenfalls in Vita activa (s. Fußnote (1)) schreibt Hannah Arendt hierzu:
   “[D]er zu einem Anliegen der Öffentlichkeit gewordene gesellschaftliche Reichtum hat solche Proportionen angenommen, daß er die Formen des Privateigentums wie des Privatbesitzes automatisch sprengt. [...] Das eigentlich Bedrohliche an dieser Entwicklung ... ist nicht die Abschaffung des Privatbesitzes, die ohnehin unaufhaltsam ist auch in den Ländern mit angeblich (??) kapitalistischer Wirtschaft, sondern die Abschaffung des Privateigentums, also jene Enteignung, die den Menschen von dem immer begrenzten, dafür aber greifbaren und handhabbaren Stück Welt trennt, das er sein eigen nennt, weil es dem, was ihm eigen ist, allein dient.
   [...] Die einzig wirksame Art und Weise, die Dunkelheit dessen zu gewährleisten, was vor dem Licht der Öffentlichkeit verborgen bleiben muß, ist Privateigentum, eine Stätte, zu der niemand Zutritt hat und wo man zugleich geborgen und verborgen ist.” (Ebenda, S. 85 ff.)
   Im unaufhörlichen Prozeß seiner Akkumulation enträumlicht und entweltlicht das Kapital das Privateigentum zu einem flüchtigen Moment und enteignet eine Klasse gleich ganz von jedem Rest an weltlich verortbarem Privateigentum (und schafft und reproduziert sie dadurch immer wieder), so daß diejenigen, die vom Verkauf ihrer Arbeitskraft leben müssen, mit Notwendigkeit auf den doppelten skandalösen Irrsinn verwiesen sind, mit diesem leiblichen Vermögen wie mit einem ihnen äußerlich vorausgesetzten Privateigentum umzugehen, ohne aber über den Gebrauch dieses Vermögens wirklich selbst verfügen zu können. Arendt führt in diesem Zusammenhang den ‘Vater des Liberalismus’, John Locke, an, der in seiner Verteidigung des Privateigentums diesen Irrsinn bewußtlos ausplaudert:
   “Historisch gesprochen ist Lockes These, daß der Ursprung allen Eigentums in der Arbeit liege, mehr als zweifelhaft; zweifellos aber ist, daß diese These sich längst bewahrheitet hat, insofern wir ja seit langem unter Bedingungen leben, in denen nur die Fertigkeiten und die Arbeitskraft, die uns wie das Leben selbst zu eigen sind, ein zuverlässiger Besitz sind. Locke stellte seine These auf, um das Privateigentum gegen Angriffe sicherzustellen, und er meinte, eine unangreifbare Basis für seine Rechte gefunden zu haben, als er auf dasjenige hinwies, was dem Ärmsten verbleibt, nachdem man ihn enteignet hat: die Arbeitskraft, die dann noch übrigbleibt, ist in Wahrheit ein ‘Eigentum’ nur noch in metaphorischem Sinne.” (Ebenda, S. 85)

Zurück zum Seitenanfang

Genie der Sprache (04.10.2018)

“Aber das eben ist das Genie der Sprache: daß sie Aufträge erfüllt, die ihr nicht erteilt worden sind, und Bastionen im Unbewußten errichtet.” (Siegfried Kracauer) (in: Kracauer, Siegfried: Straßen in Berlin und anderswo, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2009, S. 77)

Zurück zum Seitenanfang

Aus Leidenschaft (04.10.2018)

Immer wieder liest oder hört man von Dienstleistern und Handwerkern aus Leidenschaft. Trotz aller Googelei - und es gibt ja in der Tat die seltsamsten Ortsanamen im deutschsprachigen Raum, wie etwa Lieblos, Petting, Duckmaus, Fucking, und selbst Kalifornien und Amerika finden sich darunter - ist es mir aber nicht gelungen, für Deutschland, Österreich oder die Schweiz einen Ort namens ‘Leidenschaft’ auszumachen.

Zurück zum Seitenanfang

Mord und Sprache (16.09.2018)

“Daß einer ein Mörder ist, muß nichts gegen seinen Stil beweisen. Aber der Stil kann beweisen, daß er ein Mörder ist.” (Karl Kraus) (in: Die Fackel, Heft 234-235 (31.10.1907), S. 6 (Quelle: AAC-Fackel, abgerufen am 15.09.2018))

Zurück zum Seitenanfang

Die Ferne so nah (14.09.2018)

Grad darum nach den Sternen greifen:
liegt das Gute doch
Sonar.

Zurück zum Seitenanfang

Fortschritt (10.06.2018)

Der einzige kontinuierliche Fortschritt in der Geschichte ist der “von der Steinschleuder zur Atombombe” (Adorno).

Zurück zum Seitenanfang

Sozialstaat (10.06.2018)

Erfunden von Bismarck, um den letzten revolutionären Impulsen einer schon weitgehend auf den Hund gekommenen sozialdemokratischen Opposition den Wind aus den Segeln zu nehmen; weiterentwickelt und vollendet durch den Nationalsozialismus sowie, im Anschluß daran, durch Christ- und Sozialdemokraten, um das Proletariat endgültig in die Nation zu integrieren. Als obrigkeitsstaatliche Gängelung der Individuen unbedingt zu überwinden - aber nicht durch seine Zerschlagung, sondern dadurch, daß man ihn überflüssig machte.

Zurück zum Seitenanfang

Frieden (10.06.2018)

Zustand, in welchem die Gründe für den nächsten Krieg gelegt werden.
Also kein per se erstrebenswerter Status.

Zurück zum Seitenanfang

Linker Antisemitismus (08.04.2018)

Derzeit (noch) nicht eliminatorisch. Noch besteht er “lediglich” darin, Verständnis für einen ungebremsten Antisemitismus (sofern er nicht von rechts kommt) zu entwickeln und ihm Tür und Tor zu öffnen. Linke Antisemiten - die um ihren Antisemitismus häufig nicht einmal wissen bzw. ihn erfolgreich verdrängen - erstreben keineswegs die endgültige Vernichtung der Juden - sie geben die Juden “bloß” zum Abschuß frei. (Diese Haltung ist in Deutschland inzwischen zum politischen Mainstream geworden.)

Zurück zum Seitenanfang

Bildung (III) (24.03.2018)

In Deutschland (nicht nur hier, aber hier ganz besonders) ist Bildung seit geraumer Zeit zu einem Fetisch verkommen und darüber ihres aufklärerischen und humanistischen Gehaltes wie auch ihrer überschießenden emanzipativen Momente weitestgehend entleert worden. Ihr Ziel besteht einzig noch in der direkten Zurichtung der Individuen zu ihrer ökonomischen Verfügbarkeit und Funktionalität sowie in ihrer Indoktrination mit einer politischen Gesinnung, die von der Regierung und einer mehr oder weniger auf ihren Kurs sich eingeschworen habenden Öffentlichkeit vorgegeben wird.

Allein schon wegen ihrer über den Rahmen der bürgerlichen Gesellschaft hinausweisenden Momente hat Bildung in ihrem ursprünglichen Sinne noch nie im vollen Umfang Eingang in die verschiedenen nationalen Bildungssysteme gefunden. Was aber stellenweise seit dem 19., spätestens jedoch seit dem vorigen Jahrhundert beobachtet werden kann, ist eine Entwicklungsgeschichte von Bildung, die zugleich die Geschichte ihres (u. a. durch sukzessive Angleichungen an die Erfordernisse des Kapitals bedingten) Verfalls kennzeichnet - so daß Adorno seinen auf dem 14. Deutschen Soziologentag 1959 in Berlin gehaltenen Vortrag mit Theorie der Halbbildung übertitelte. Der Verfallsfortschritt ist inzwischen so groß, daß keine fünfzig Jahre später der Wiener Philosophie-Professor Konrad Paul Liessmann mit einer Theorie der Unbildung nachlegen mußte.

Zurück zum Seitenanfang

Kapital und Krise (19.03.2018)

Das Kapital hat keine Krisen.
Es ist die Krise.

Zurück zum Seitenanfang

Unheilige deutsche Allianz (18.03.2018)

Kapital - europa-imperialistische Politik - “protestantische Weltfrömmigkeit” (Helmuth Plessner) - und eine in ihrem gesamten politischen Spektrum von spechts bis dings weitgehend dazu passende Öffentlichkeit

Ein großer, ziemlich heruntergekommener Teil der deutschen Linken hat hieran regen aktiven Anteil, so daß zu wünschen wäre, daß den Betreffenden der Fels, den sie erhoben haben, zu einem guten Stück und schmerzhaft auf ihre eigenen Füße falle.

Zurück zum Seitenanfang

Ethik und Ästhetik (23.02.2018)

Stimmts in der einen nicht,
dann meist auch in der andern nicht so recht.
Und vice versa.

Zurück zum Seitenanfang

Geld (21.02.2018)

Am Geld kann man schön studieren, wie aus gesellschaftlicher Praxis gewonnene Ideologie negativ ein Moment von Wahrheit enthalten kann: Mit Geld könne man alles kaufen - so wird das Geld hochgelobt, als wäre es nichts anderes als ein genialer Vermittler der Individuen mit dem gesellschaftlichen Reichtum. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Wenn Geld das Mittel ist, um am gesellschaftlichen Reichtum zu partizipieren, bedeutet das nämlich zugleich, daß man ohne Geld an diesen Reichtum nicht herankommen kann - bzw.: nicht herankommen soll: Geld ist mithin allererst organisierter Ausschluß vom Reichtum - andernfalls es als Vermittler ja gar nicht nötig wäre.

Hochgelobt wird das Geld in der Volkswirtschaftslehre (VWL) wie auch im allgemeinen ökonomischen Alltagsbewußtsein (dessen vulgärwissenschaftlicher Ausdruck die VWL ist) also dafür, daß es (als “Kaufmittel”) ein Problem löst, welches ohne es gar nicht bestünde.

Zurück zum Seitenanfang

Descartes (21.02.2018)

Ich denke,
kann also
an allem
zweifeln.
Also bin ich:
unentwegter
Zweifler
(der ich bin).
Gott sei Dank.

Zurück zum Seitenanfang

Denken und Kritik (21.02.2018)

Von seinem eigentlichen Begriff her ist Denken immer schon Kritik:
geistige Überwindung des Status quo.

(Daher läuft jedes Bestreben, theoretisch in der schlechten Welt sich einzurichten, auf einen Mißbrauch des Denkens hinaus: auf die Versöhnung mit der Unversöhntheit.)

Zurück zum Seitenanfang

Karl Kraus (21.02.2018)

Der nur ist wahrer Literat:
Der nicht die Sprache beherrscht.
Sondern ihr dient.

Zurück zum Seitenanfang

Lebenslanges Lernen (II) (14.01.2018)

Vom Kapital und seinen ihm zuarbeitenden Einrichtungen dazu verurteilt: der vom Verkauf seiner Arbeitskraft leben muß. Von dem ist heute Flexibilität, Sich-Einstellen auf stets neue Anforderungen in einem Maße verlangt, daß er auf nichts mehr bauen, auf nichts mehr sich verlassen kann - außer auf die Ungewißheit, in die er gestürzt wird.

Zurück zum Seitenanfang

Antiautoritarismus (08.01.2018)

Konformistisches Rebellentum

Zurück zum Seitenanfang

Mitleid (08.01.2018)

Sicherlich nicht die schlechteste unter den menschlichen Rührungen. Als Grundmotiv des Handelns aber ein einziger Terror, der das Opfer, dem das Mitleid gilt, als Opfer unbedingt erhalten will.

Zurück zum Seitenanfang

Kapitalismus (08.01.2018)

Ihn zu bekämpfen: eine Donquichotterie.
Abzuschaffen wär er nur,
indem man ihn realiter als das behandelte,
was er längst schon ist:
überflüssig.

Zurück zum Seitenanfang

Konformismus (27.12.2017)

Auf Deubel komm raus als was Besondres gelten wollen

Zurück zum Seitenanfang

Lohnarbeiter et al. (27.12.2017)

“Niemand ist mehr Sklave, als der sich für frei hält, ohne es zu sein.” (Goethe in seinen Maximen und Reflexionen)

Zurück zum Seitenanfang

Gesundheit (27.12.2017)

Steht als Wert ganz hoch im Kurs.
Weil im Werkelalltag ihr unabwendbar ruinöser Einsatz verlangt ist.

Zurück zum Seitenanfang

Markt und Plan (22.12.2017)

Die Einwände der Anhänger der ach so freien Marktwirtschaft gegen die zentralistische Planwirtschaft beruhen zu einem Gutteil auf Projektion: Sie vergessen nur gar zu gern - flache Hierarchien hin, betriebliche Mitbestimmung her - die innerbetriebliche Despotie, die der Marktwirtschaft zugrundeliegt, auf deren Erfolg sie sich wiederum berufen. Diese Despotie, geleitet vom durch das Konkurrenzprinzip objektivierten und erzwungenen Streben nach Wachstum eines ganz abstrakten, sich nur in Geld, nicht in Gebrauchsgütern bemessenden Reichtums, ist kleinlicher und tyrranischer, als die zentralistische Planwirtschaft je gewesen ist.

Zurück zum Seitenanfang

Motivation (22.12.2017)

Sich für eine Notwendigkeit oder einen Zwang einen jenseits aller Objektivität befindlichen, ganz persönlichen Beweggrund einfallen lassen. Der Sache nach also eine Heuchelei - die von vielen “Motivierten” aber schließlich selbst noch geglaubt wird.

Zurück zum Seitenanfang

Achtsamkeit (22.12.2017)

Alle Aufmerksamkeit von Objekten und anderen Personen abziehen und “wertfrei” wie inhaltsleer um die eigene Person kreisen lassen. Egozentrische Weltfremdheit mit der Illusion, dem eigenen Selbsthaß zu entkommen.

Zurück zum Seitenanfang

Fotomania (22.08.2014)

Die Manie, unaufhörlich und allerorten alles und jeden mit Kamera oder Smartphone in ein Bild zu bannen, verbindet in sich den Allmachtswahn des modernen Subjekts mit der rituellen Bewältigung, der unsere Urahnen aus grauer Vorzeit ihre Angst vor dem Unbekannten unterzogen: Indem alle Welt geknipst wird, wird sie in Bann geschlagen und festgehalten, auf daß keine Gefahr mehr ausgehe von ihr.

Die fotografische Weltherrschaft über Landschaften, Dinge und Personen läßt sie in den Besitz des Fotokraten übergehen und hält sie ihm gleichzeitig vom Leibe. So halten denn Urlaubsfotos insbesondere von einem Stück Natur oder Architektur nicht die schönsten, sondern die schlimmsten Augenblicke fest: Noch ehe das Objekt seinen Zauber auf ihn auszuüben, ihn in eine besondere Stimmung zu versetzen vermag, hat der Fotomane schon sein Bild geschossen - und ist fertig: Eiaculatio praecox. Woran wird ihn die betreffende Aufnahme beim späteren Betrachten erinnern? Daran, daß er sie geknipst hat: Dementia praecox der besonderen Art: das Vergessene hat nicht einmal existiert.

Etwas anders - und doch nicht völlig unähnlich - scheint es sich mir mit dem ebenfalls weitverbreiteten Usus zu verhalten, sich selbst und seine Freunde bei jeder sich bietenden Gelegenheit - gern in ausgelassener Stimmung, gern in Gruppenformation - zu fotografieren. Das mutet an, als wären solche Menschen von der Angst getrieben, ihr Leben für eine Illusion halten zu müssen, wenn sie Situationen gemeinsamer Ausgelassenheit nicht als beweiskräftiges Dokument ihrer Lebensfreude festhielten. Nicht von ungefähr ist diese Art der Fotomanie besonders unter Jugendlichen beliebt: Wenn junge Menschen, die noch mitten in der Ausbildung ihrer Persönlichkeit sich befinden, der heutzutage nach Kräften geschürten Zwangsvorstellung aufsitzen, sie bedürften dafür nicht der Auseinandersetzung mit der Welt, sondern die Welt hätte grad auf sie gewartet, und sich mit Ihresgleichen zusammentun, um “was zu erleben”, dann besteht die Lebensfreude, die darin aufkommt, häufig genug im Zusammenwirken lauter kleiner Wirbelwinde, die je um ein Zentrum kreisen, worin die Ahnung davon keimt, daß so das Leben, welches man genießen will, nicht ist, und zugleich der unbedingte Wille west, die eigene und der anderen Ausgelassenheit doch unerschütterlich als Lebensfreude (“pur”) zu nehmen - weshalb die Beteiligten ihre Illusion gegen jene Ahnung rigide ins Recht setzen, indem sie sie unanfechtbar im Bild festhalten. Man muß zu diesen Menschen gehören oder mit dem einen oder anderen der Abgelichteten befreundet oder gut bekannt sein - andernfalls findet man in der Regel solche Fotos auf eine sehr grundlegende Weise nichtssagend und langweilig.

Zurück zum Seitenanfang

Hip-Hop (24.08.2014)

“Hip-Hop ist Nazi-Musik!”, bemerkte Alfred W. Hilmarson neulich in einem Gespräch mit mir; und wie meist noch seine maßlosesten Übertreibungen enthält auch diese hier nicht nur ein Körnchen Wahrheit, sondern einen dicken, harten wahren Kern: Sofern nämlich im Hip-Hop - vielleicht durchaus im Gegensatz zu seinen möglicherweise ursprünglich vorhanden gewesenen sozialprotestlerischen Intentionen - die Verherrlichung des ökonomischen, sozialen und kulturellen Ghettoelends samt Gangstertum und Frauenfeindlichkeit betrieben wird, eignet ihm durchaus etwas Völkisches, Faschistoides. Und der Musikstil mit seiner uniformen dilettantischen Rhythmik und seiner deutlichen Tendenz zur Gleichschaltung wie auch zur ästhetischen Vernichtung (- der Hip-Hop-Stil vernichtet dabei auch alles, was er coveringshalber an Fremdem sich einverleibt -) verleiht solchem Fascho-Kitsch den angemessenen (un)ästhetischen Klangteppich.

Zurück zum Seitenanfang

Auchmenschen (16.09.2014)

Immer wieder gern werden in Debatten und Diskussionen sog. Auchmenschen erwähnt - von den einen aus Gedankenlosigkeit, von anderen, um gleich zu einem großen Aber überzuleiten. Wer da nicht alles zu den Auchmenschen zählt! Hier ein paar Beispiele:

Was den Auchmenschen, bei aller Heterogenität der in diese Kategorie fallenden Individuen, grundsätzlich auszeichnet, ist, daß es sich bei ihm um keinen richtigen Vollmenschen handelt: als Auchmensch, d. h. als eine Art Android, als Quasi-Mensch steht er immer mehr oder weniger unterhalb des eigentlichen Menschen - was den einen oder anderen vom Auchmenschen auch schon mal als einem Untermenschen sprechen läßt.

Zurück zum Seitenanfang

Zerstreuung (15.11.2014)

Man zerstreut sich: bei Spiel und Spaß, beim Internet- und Fernseh-Kucken oder im Kino, auf dem Rummelplatz oder im Erlebnispark, in Café und Kneipe; beim spontanen Gespräch mit Freunden, beim Spaziergang, beim Lesen der Zeitung oder eines Romans ... Man zerstreut sich, wenn und indem man weder ganz bei sich ist noch einem oder mehreren Menschen, einer Sache, einer Leidenschaft oder einer Situation ganz sich hingibt. Man war vielleicht konzentriert: auf eine Arbeit, bei der Lektüre eines philosophischen Buches oder involviert in eine politische Debatte; vielleicht hat man grad intensiv geliebt oder hat einer sonstigen Leidenschaft glühend gefrönt - und nun zerstreuen sich die vorher auf Eines konzentrierten Kräfte, der Körper entspannt sich, die Sinne fliegen aus, sich anderem zu öffnen, und wohlig ermattet liegt man neben der oder dem Liebsten oder sitzt bei Sonnenschein draußen am Tisch eines Straßencafés vor einem Cappuccino oder einem frischen Bier und steckt sich 'ne Lulle ins Gesicht ... Wie auch immer: jetzt gibt es nicht Zweck noch Ziel, Gedanken und Sinne vagabundieren durch die Weltgeschichte und lassen sich gleich oder bald wieder gefangennehmen durch verschiedenes, was sich ihnen rundherum, auf dem Schirm, auf Papier, aus Lautsprechern oder im eigenen Kopf darbietet - aber ohne sofort wieder vollständig sich zu konzentrieren oder wirklich sich hinzugeben. Das Ich dissoziiert vor sich hin und ist nirgends so recht.

Konzentration oder Hingabe einerseits, Zerstreuung andererseits: beider Zustände im ständigen Wechsel bedarf es. Fehlt das eine oder das andere oder kommt es zu kurz, mangelt es an (Kontur der) Persönlichkeit oder an Aufgeschlossenheit: Man wird zum Getriebenen der Sinne und inneren Impulse im einen, zum Besessenen oder zum komischen Kauz im andern Fall. (Beides bedeutet Unfreiheit.)

Konzentration und Hingabe werden heute wohlzwar häufig eingefordert - allein: die Zerstreuung wird mehr und mehr zum einzigen Prinzip, zur Grundverfassung des Geistes. So blöde die Rede von der Freizeitgesellschaft auch ist: ihr eignet immerhin die Registrierung des tatsächlichen Sachverhalts, daß die Freizeit - in ebendieser Rede immer als Gegenpol, als Komplementärstück zur Erwerbsarbeit verstanden - den spielerischen und entspannenden Ausgleich zur ernsten und angespannten Arbeit darstellt und als dieser Ausgleich eine immer gewichtigere, immer umfassendere Rolle spielt. Das hat natürlich und wesentlich mit der zunehmenden Bedeutung des Freizeit- und Unterhaltungsmarktes zu tun: Das Bedürfnis, sich von der Arbeit zu erholen, ist vom Gegenpart der Arbeit, dem Kapital, als Geschäftssphäre entdeckt worden und wird von ihm in immer vielfältigerer und raffinierterer Weise bedient. Hand in Hand einher damit - ohne daß man recht zu urteilen vermöchte, was Ursache, was Wirkung sei - geht die “Erholisierung” des Geistes: Mehr und mehr meinen die Menschen in der modernen und postmodernen Gesellschaft, die in der Arbeit ganz außer sich sind, in der bloßen Erholung, in der reinen Zerstreuung endlich ganz bei sich zu sein. Ausgerechnet! Sind sie im Arbeitsleben zur Gänze Bedingungen ausgesetzt, die sie nicht in der eigenen Hand haben, und Zwecken unterworfen, die nicht die ihren sind, so lassen sie sich in ihrer Freizeit zum Spielball von diffusen Eindrücken und Impulsen machen; ihr Ich zerstreut sich und ist überall und nirgends. Da wird pizzaessenderweise mitunter gleichzeitig getwittert, telefoniert, ferngesehn, Musik aus dem Netz gesaugt, per Facebook oder via eMail ein Date vereinbart und nebenher womöglich noch an der Bachelor-Arbeit rumgedoktert.

Diese Tendenz treibt in der Welt der modernen Medien besonders extreme Blüten, die auf den Geist zurückwirken: Smartphone, Facebook und Twitter sind heutzutage Werkzeuge und Medien, die die Persönlichkeit zur völligen Zerstreuung: nämlich zur vollendeten Zerstreutheit, zur Auflösung verführen bzw. so etwas wie Persönlichkeit möglicherweise gar nicht erst heranreifen lassen: Das Ich verliert sich in der virtuellen Welt. Die Bemerkung Adornos in seiner Minima Moralia, daß es “bei vielen Menschen ... bereits eine Unverschämtheit [ist], wenn sie Ich sagen”, stellt in der heutigen (nach-)bürgerlichen Gesellschaft Wahrheit nicht mehr, wie zu Adornos Zeiten, bloß über “viele”, sondern über womöglich die Mehrheit der in ihr lebenden Menschen dar.

Im Zuge der permanenten Revolutionierung der Arbeitswelt durchs Kapital greift das geistige Prinzip der Zerstreutheit auch zusehends auf diese Arbeitswelt über und dort in wachsendem Maße Raum - ohne dabei das Spannungsfeld zwischen ihr und der Freizeit zu beseitigen: Konzentration gibts im Arbeitsleben mehr und mehr nur noch fragmentarisch und in sog. professioneller, d. h. gleichgültiger, mechanischer Weise; m. a. W.: Die mechanische Vereinseitigung der geistigen und körperlichen Kräfte, die einst das Schicksal der Fabrikarbeiter war, ist zum allgemeingültigen Prinzip der Arbeitswelt geworden - und wird nun, im Unterschied zu früher, vielseitig genutzt: Die geistlose, geistzerfressende Form von Aufmerksamkeit verteilt sich jetzt auf mehrere Gegenstände bzw. Vorgänge gleichzeitig. Dieses zunehmende Multitasking der menschlichen Arbeitskraft befördert sicherlich nicht die Qualität der Prozesse - weshalb ja auch in wachsendem Maße ein Qualitätsmanagement, eine extra Anstrengung für die Qualitätssicherung zum Arbeitsprozeß hinzutreten muß -, dafür aber auf jeden Fall die Rentabilität und Profitabilität der Arbeitskraftnutzung. Mag sein, daß das Prinzip allgemeiner geistiger Zerstreutheit die Arbeitswelt nicht bloß erfaßt hat, sondern vom Streben des Kapitals nach möglichst allseitiger Nutzung der Arbeitskraft überhaupt allererst in die Welt gesetzt worden ist - entscheiden will ich das an dieser Stelle nicht. Aber eine Korrespondenz zwischen beiden Phänomenen besteht unbedingt.

Die Degradierung des Arbeiters zum Anhängsel der Maschine hat solcherart sich entwickelt zur Entseelung aller Erwerbsarbeit. Noch die wachsende Berücksichtigung von “Befindlichkeiten” und der zunehmende Einzug kommunikationspsychologischer Regulierungen in Betriebe und Unternehmen zeugen von der Entgeistigung und Entseelung des Erwerbslebens: Das seelische Befinden des Einzelnen wird zum Kalkül der betriebswirtschaftlichen Rechnungsführung, und statt daß miteinander gesprochen wird, wird nur noch “kommuniziert”: Worthülsen wechseln nach strengen Regularien zwischen den “Kommunizierenden” hin und her. (Dieses Schicksal hat die u. a. von Paul Watzlawick mitbegründete Kommunikationspsychologie, auf die ich keine geringen Stücke halte, wahrlich nicht verdient.)

Die Zerstreutheit also ist allgemeines Prinzip geworden - und ihr euphorisch-euphemistisches Motto hat sie in der Devise gefunden, daß man permanent neu sich erfinden müsse. Klar: wer keine Persönlichkeit hat, muß - ganz situationsgerecht, versteht sich - ad hoc dauernd neue Persönlichkeiten, genauer: Persönlichkeitssurrogate erfinden. Das Individuum, von der Philosophie der Aufklärung ursprünglich gedacht als unverwechselbare Persönlichkeit, die in ihm selbst ihre Substanz hat, ist zur flexible response auf Situationen, Gegebenheiten und Impulse geraten: in ebendiesem Sinne zu einem bloßen “Reaktionär” geworden.

Wo keine Persönlichkeit west, herrscht auch niemand, der wirklich - im Kantschen Sinne - über Urteilsvermögen zu verfügen sich rühmen könnte: Gedankenlosigkeit macht mehr und mehr sich breit - in der Arbeitswelt sowohl wie in der Sphäre der Freizeit. Das ist auch zu bemerken am zunehmenden Verfall von Sprache und Schrift - den beiden objektiven Medien des Denkens: Kaum jemand mehr vermag heutzutage noch fehlerfrei einen ganzen Satz über die Lippen, geschweige denn zu Papier zu bringen oder in die Tastatur zu hacken. Bemerken kann man die wachsende Zerstreutheit ebenfalls daran, daß es fast unüblich schon geworden ist, konsequent und kontinuierlich auf ein Ziel, einen Zweck hin zu arbeiten: Mehr und mehr Menschen bekommen einfach nix mehr auf die Reihe. Selbst Liebe und Sex dienen nur noch der Zerstreuung und sind zumeist so voller Spannung und Erregung wie der Eindruck, den man gewinnt, wenn man die Zunge zum Fenster rausstreckt.

Gemessen an der herrschenden Zerstreutheit stellt die Figur des zerstreuten Professors direkt noch einen liebenswerten Charakter dar: Ganz gefangen von seinem - wie man heute sagen würde: - “Projekt”, vermag der Professor, der diesem “Projekt” vollkommen, ja besessen sich verschrieben hat, wenns um die Dinge des Alltags geht, von seiner Konzentration auf das “Projekt” nicht Abstand zu nehmen und sein Augenmerk auf die Notwendigkeiten des banalen Lebens zu richten - so daß er mit leerer Aktentasche, bei Sommerwetter in Winterkleidung gehüllt, zur Vorlesung geht. Im Vergleich zu den vielen, die in ihrer Teilhabe an der allgemeinen Zerstreutheit Künstler, zumindest Lebenskünstler sich wähnen, ist der zerstreute Professor wirklich ein Künstler.

Zurück zum Seitenanfang

Kultur (Aufblaspuppe) (20.02.2015)

Okay:

Na ja:

Aber das hier?:

Und jetzt auch noch:

Wann endlich?:

Bei dieser galoppierenden Inflation von Kultur, die einhergeht mit einer schier grenzenlosen Fragmentarisierung und Vereinzelung in der Wahl all dessen, was da jeweils in den Rang eines Schöpfers, eines Trägers oder eines Ausdrucks von Kultur erhoben wird - mithin: wenn jeder Furz als kultureller Beitrag, als kulturelle Bereicherung zu nehmen ist (- ach ja, genau: “Flatulenzkultur” -), bleibt dem Gentleman und der Dame von Welt nur noch, eines gepflegten Kulturbanausentums (um nicht zu sagen: Kulturbolschewismus') zu frönen und, trotz der nur geringen Aussicht auf Erfolg, die, freilich äußerst dickhäutige Aufblaspuppe, die Kultur heute darstellt, zu allen möglichen Gelegenheiten mit Nadelstichen zu traktieren. Die übelriechende Luft, die dann den Einstichlöchern entweicht, ist Zeugnis eines im Innern dieser Puppe vor sich gehenden Verwesungsprozesses, der die ihr innewohnende Kumulation von Kultur als kulturzerstörerische und krankmachende Pilzkultur ausweist.

Scheiß-Kultur!

Zurück zum Seitenanfang

Mit sich im Reinen sein (07.05.2017)

Kann man in bezug auf die eine oder andere einzelne Angelegenheit. Nie aber in toto: Im verkehrten Ganzen ein richtiges Leben zu führen, ist ein Ding der Unmöglichkeit, da man in diesem Falschen ganz praktisch leben und so dessen Widersprüchlichkeit in sich aufnehmen muß. Gegen die zu leben sich zu bemühen, ist dennoch eine lobenswerte und befreiende Anstrengung, die etwa aus einem bloßen Mann einen Gentleman zu machen vermag.

Zurück zum Seitenanfang

Geheimnis (Vergiß es, Baby!) (21.07.2015)

Der inflationäre Gebrauch des Terminus ‘Geheimnis’, wie man ihn heutzutage betreibt, erweckt den Eindruck, daß es Geheimnisse scheints nicht zu entdecken mehr gibt. Allesmögliche, und sei es noch so banal oder sei's gar erstunken und erlogen, wird zum Geheimnis aufgebauscht, nur um es sodann - entgeltlich oder unentgeltlich - mit großem Tamtam sensationell zu enthüllen: das “Geheimnis des (!) Erfolges” (- kommt in zahlreichen Titeln verschiedener Erfolgsratgeber oder -seminare vor -), “das Geheimnis kluger Entscheidungen” (Buchtitel), “das Geheimnis glücklicher Kinder” (Buchtitel), “Geheimtipps” zur Bewahrung von Jugendlichkeit bis ins hohe Alter oder gleich das berühmte “Geheimnis ewiger Jugend”, das “Geheimnis” eines rundum und dauerhaft befriedigenden Liebeslebens, das “Geheimnis” der Sterne - von populärwissenschaftlichen Astronomen ebenso bemüht wie von Astrologen -, das “Geheimnis” der heilenden Kräfte irgendwelcher Steine: (endlich) enthüllt!

Die (post-)moderne Gesellschaft duldet keine Geheimnisse mehr und will von allem “Geheimnisvollen” den Schleier reißen: das “Geheimnis” guten Unterrichts, das (mathematische) “Geheimnis” der Zahlen, die (neurobiologischen) “Geheimnisse” des Gefühlslebens, das “Geheimnis” der Elektrizität, das “Geheimnis” optimaler Menschenführung: alles kein Geheimnis mehr, sondern enthüllt, enträtselt und erklärt. Die professionellen “Enthüller” gleichen einem Detektiv, der sich - und das auf wenig originelle Weise - seine sensationell gelösten Fälle einfach selber schafft. Nur ihrem eigenen Geheimnis kommt diese Gesellschaft in ihrer Enthüllungs- und Aufklärungssucht (- worin Aufklärung zur bloßen Geste verkommen -) nicht auf die Spur - was sie nicht weiß, aber womöglich, mehr unbewußt als bewußt, ahnt; und in Abwehr dieser Ahnung erfindet sie lauter Geheimnisse, um sie wie Pappkameraden in der Luft zu zerfetzen und sich ebendarin als aufgeklärte Gesellschaft zu (sug-)gerieren.

Und ebensowenig wie die Paparazzi, so wenig duldet auch das um sich selbst wirbelnde und in bloße Virtualität sich auflösende postmoderne Individuum, welches sein eigenes (meist wenig sensationelles, eher ziemlich langweiliges) Privatleben ins Netz oder sonstwie in die Öffentlichkeit stellt, bei anderen das Private, vor der Öffentlichkeit Verborgene. - Die Erfahrung von etwas wirklich Geheimnisvollem ist ihm fremd. Daß etwas ihm noch Geheimnisvolles durch innige persönliche Erfahrung ihm sich offenbare, widerfährt ihm nicht, ist ihm womöglich unheimlich. Es trampelt durch die Landschaft, durch die Natur, oder durchrast sie mit seinem Rad - um der Gesundheit oder eines abstrakten Leistungsstolzes willen. Es sucht den Nervenkitzel, weil es zur Leidenschaft, zur Hingabe ans Objekt oder an einen anderen nicht fähig. Es liebt, um geliebt zu werden. Sinn kennt es nicht, nur Zwecke. Sexualität ist ihm womöglich nie eine Offenbarung gewesen (außer vielleicht, ganz nebelhaft, bei den ersten Malen), sondern dient ihm als bloßes Mittel zum Spannungsabbau, zur Zerstreuung, zum Ausgleich des “Triebhaushalts”. Es bleibt sich selbst ein ewiges Geheimnis ... ein Geheimnis, vor dessen Erfahrung, Enthüllung ihm graut - zu Recht ...

Zurück zum Seitenanfang

Kommunikation (Sprachlosigkeit) (30.08.2015)

“Kriterium des Wahren ist nicht eine unmittelbare Kommunizierbarkeit an jedermann. Zu widerstehen ist der fast universalen Nötigung, die Kommunikation des Erkannten mit diesem zu verwechseln und womöglich höher zu stellen, während gegenwärtig jeder Schritt zur Kommunikation hin die Wahrheit ausverkauft und verfälscht. An dieser Paradoxie laboriert mittlerweile alles Sprachliche.” (Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag, 2003, S. 51 f.)

Eines der großen Verdienste der von Paul Watzlawick mitbegründeten und vor allem von ihm publik gemachten systemischen Kommunikationspsychologie bestand in der Sichtbarmachung und ausführlichen Ergründung des Beziehungsaspektes der menschlichen Kommunikation: Der Blick auf die Beziehungsebene und die Erforschung der auf dieser Ebene ablaufenden (oder ablaufen könnenden), oft quasi-autonomen “Mechanismen” und der damit zusammenhängenden möglichen “Störungen” in der Kommunikation enthüllen bis zu einem gewissen Grade die schuldlos-schuldige Verstrickung und Verstricktheit des modernen Individuums in seinen gesellschaftlichen Zusammenhang im Bereich der direkten menschlichen Interaktion, wie Marx sie seinerzeit für die ökonomische Ebene der bürgerlichen Gesellschaft ausführlich dargestellt hat. Die allerdings schon von Anfang an vorhandene Tendenz einer gewissen Überbetonung des Beziehungsaspektes (1) brach sich dann aber bei den Epigonen der systemischen Kommunikationspsychologie schnell Bahn und verwandelte diese Disziplin mehr und mehr in ein technisches Rüstzeug gelungener Kommunikation, wobei der Gradmesser des Gelingens zunehmend vom eigentlichen Inhalt abgelöst wurde. “Macht kein Gulasch daraus”, warnt Watzlawick noch einen der großen Pioniere der systemischen Kommunikationspsychologie im deutschsprachigen Raum, Friedemann Schulz von Thun, als der daran geht, den Beziehungsaspekt in die drei Ebenen: Selbstoffenbarungs-, Beziehungs- und Appellebene zu zerlegen. Später werden in Schule und Ausbildung, im Studium und auf etlichen Weiter- und Fortbildungsseminaren Schüler, Azubis, Studenten und Teilnehmer mit Schulz von Thuns Modell der vier Schnäbel und der vier Ohren (“Nachrichtenquadrat” bzw. “Kommunikationsquadrat”) traktiert. Kommunikation gerät dabei - in ständiger Weiterentwicklung dieses Modells - zusehends zu einer Technik, die, richtig beherrscht, erstens allemöglichen Probleme zu lösen und zweitens allemöglichen Zwecke durchzusetzen vermöchte (- um diese zweite Linie geht es insonderheit auf Verkaufs-, Management-, Unternehmens- und Politikerseminaren). Alles ist Kommunikation und Kommunikation ist alles: das ist Moses und die Propheten postmodern degenerierter Kommunikationspsychologie. Wer die Kommunikation beherrscht, beherrscht heute die “Situation”, morgen den Markt und übermorgen die ganze Welt - so scheinen manche der betreffenden Strategen und Berater zu träumen.

Aber auch von der Ausschlachtung der Kommunikationspsychologie für Kapital und Politik mal abgesehn: Die regelrechte Auflösung der “kommunizierten” Inhalte und Gegenstände, um die es in Gesprächen geht und die nur über Sprache ins Bewußtsein gelangen - Sprache ist das Medium des Denkens und nicht ein bloßes Kommunikationsmittel -, in gegenseitiges Verstehen (oder den Schein davon) im Sinne einer Metakommunikation (= Kommunikation zweiten Grades, also Kommunikation über Kommunikation), läßt Sprache zum technischen Werkzeug gerinnen und solche Angelegenheiten wie Wahrheit und Sinn nicht nur zweitrangig werden, sondern, zumindest tendenziell, zu bloßen Konstrukten geraten: Für die Kommunikationspsychologie wie für den Konstruktivismus, mit dem sie von Anfang an verbandelt gewesen, sind Wahrheit und Sinn nichts anderes als - wennfrei kommunikativ vermittelte - subjektive Sichtweisen, die selbst wiederum auf Kommunikation beruhen. “Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt”: diesem Pippilotta-Credo scheinen sich Kommunikationsberater, Couches und kommunikationsaufgeklärte Bürger landauf, landab verpflichtet zu wissen - anstatt zu bemerken, was für eine Schizophrenie es darstellt, wenn man einerseits die Welt als durchaus etwas außerhalb des Subjekts Befindliches unterstellt (- lediglich noch radikalere Konstruktivisten als Watzlawick vertreten die Auffassung, die Welt existiere nur im Kopf - womit sie, außer der Welt, zugleich noch die Existenz des Kopfes glücklich um die Ecke gebracht haben (2) -), andererseits aber im selben Atemzug behauptet, die Wahrnehmungen des Subjekts von der Welt und seine Gedanken über sie hätten notwendigerweise nichts mit der Welt zu tun, und die Wirklichkeit würde sich allenfalls dann - rein negativ - bemerkbar machen, wenn das eigene Bild von ihr mit ihr konfligierte. Ein Passen zwischen Subjekt und Objekt solls schon geben, aber was im Kopf des Subjekts vorgeht, soll zugleich notwendig völlig objektfremd sein. Einem solchen Denken - auch wenn es sich das nicht eingestehen mag - geht es damit im Ziel um nichts anderes als um ein praktisches Passen des Subjekts zur Welt.

Unter der Hand nämlich wird solcher Art von Betrachtung die Welt zu einer Gegebenheit, mit der man nicht hadern kann, da man nur seine Sichtweise ändern muß, um sie akzeptieren und mit ihr seinen Frieden machen zu können. Die Welt, wie sie (eingerichtet) ist, gerät so selbst zur unumstößlichen Wahrheit, in der das Individuum mittels seiner kommunikativ vermittelten Sichtweise sich einzurichten und zu bewähren, sprich: sich ihr zu unterwerfen hat. Sich in der Welt, wie sie ist, d. h. wie Kapital und Politik sie her- und zugerichtet haben, zu bewähren und dies als Erfüllung der eigenen Individualität zu sehen: das macht aus einem öden Kassiererinnenjob eine “berufliche Herausforderung”, aus einem Müllentsorgungsangebot eine “Inspiration”, aus dem Handel “Spannung pur” (Lidl) und aus der bunt zusammengewürfelten Belegschaft, die (und indem sie) unterm gemeinsamen despotischen Kommando des betreffenden Unternehmens steht, ein “Team”; psychische und existentielle Krisen werden pauschal zu “Chancen” erklärt, Krankheiten zu sinnstiftenden Momenten, “Begeisterung” meint bloß noch Mitmachen ohne Wenn und Aber, und “Engagement” bedeutet nichts anderes mehr als selbstbewußten Gehorsam. An die Stelle von Sprache tritt die Sprachregelung, der Neusprech, worin das Denken den gegebenen gesellschaftlichen und ökonomischen Notwendigkeiten sich unterzuordnen hat: Das Marxsche Diktum von der Bestimmtheit des Bewußtseins durchs (gesellschaftliche) Sein, das als Einwand gegen den Kapitalismus gemeint war, erhält so eine ganz neue, noch viel umfassendere Dimension. Und solange die dem Kapitalismus unterworfenen Individuen die Unterwerfung ihres Denkens unter die Resultate ihres Tuns sich gefallen lassen und bereitwilligst mitvollziehen, bleibt jenes Marxsche Diktum leider nur allzu wahr.

----------------------------------------------------

(1) Nicht nur gleichrangig neben den, sondern sogar über den Inhaltsaspekt läßt Watzlawick den Beziehungsaspekt treten, “derart, daß letzterer den ersteren bestimmt und daher eine Metakommunikation ist” (Watzlawick, Paul, et al.: Menschliche Kommunikation - Formen, Störungen, Paradoxien, Bern: Verlag Hans Huber, 1996, S. 56). Ja, die Kommunikation kann des Inhaltsaspektes sogar völlig entbehren: “Man kann nicht nicht kommunizieren” (ebenda, S. 53).

(2) Solchen Solipsisten möchte ich hier die folgenden Worte Piet Klockes widmen:

“Sie kennen doch bestimmt alle die schöne, uralte Geschichte von dem Mann, der glaubte, alles um ihn herum sei Einbildung?! Irgendwann war er es dann komplett leid und dachte sich nacheinander einfach alles weg: seine Frau, seinen Arbeitsplatz, die Wohnung, die Stadt, die ganze Welt und abschließend sich selbst! Als er dann nur noch als Geist im All herumschwebte, hörte er plötzlich eine Stimme: ‘Gott sei Dank bist du da, jetzt kann ich endlich Feierabend machen!’ Da fragte unser Mann geistesgegenwärtig: ‘Moment, vorher verrate mir netterweise, wie ich den letzten Rest von mir auch noch auflösen kann!?’ - ‘Ganz einfach, mach' es wie ich, schaff dir ein eigenes All und warte, bis jemand wie du vorbeikommt, der soll übernehmen, dann klappt's .... Wiederschaun!’ sagte die Stimme und war komplett verschwunden. Unser Mann legte sofort los, dachte sich ein All, schuf also einen Himmel und natürlich auch die Erde. Ja, und vielerorts wird behauptet, er hätte das in sieben Tagen erledigt!?” (Piet Klocke i. A. Prof. Schmitt-Hindemith: “Das geht alles von Ihrer Zeit ab!”, München: Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., 2000, S. 67 f.)

Zurück zum Seitenanfang

Idyll (Trostlosigkeit) (05.09.2015)

Ein sehr schmaler Pfad ist es mitunter, der zwischen Idyll und völliger Trostlosigkeit verläuft: auf der einen Seite das steil und hoch aufragende Idyll, das einer in Romanen sich erlesen oder in Filmen sich erschaut hat, zu dem er in den Urlaub reist oder das er gar in seinen vier Wänden oder sonstwo selbst sich eingerichtet haben mag, dessen Gipfel er aber kaum wirklich zu erklimmen vermag; auf der anderen Seite der Abgrund der völligen Trostlosigkeit, in den er aufgrund der Enge des Pfades jederzeit hinabzustürzen droht. Vor allem der Versuch, die Höhen des Idylls zu ersteigen, ist mordsgefährlich: Rutscht man von seinem steilen Hang ab, landet man wohl kaum nochmal auf dem Pfad, sondern gleich in den Tiefen des Abgrundes. Doch selbst, wenn man den einsamen Gipfel erreicht hat, ist man dem Sog des Schlundes nicht entronnen: Hell scheint die Sonne dort oben, aber ein eiskalter, orkanartiger Wind geht, und schnell hat der einen zu Tale geschleudert.

Zurück zum Seitenanfang

Identität (20.03.2016)

Was der Mensch am allerwenigsten benötigt, ist: Identität; es sei denn, sie bestünde in seiner je ganz persönlichen Weise, sich zu entfalten und zu entwickeln - also in seiner Persönlichkeit. Davon abgesehn ist Identität immer etwas, was dem Einzelnen von außen oktroyiert wird - sei es durch den stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse: Proletarier, Arbeitsloser, Akademiker, Kapitalist etc. - sei es durch politische Gewalt: Staatsbürger, Steuerzahler, Deutscher, HartzIV-Empfänger, Ausländer etc. - sei es ideologisch: Weißer, Schwarzer, Jude, Angehöriger des muslimischen Kulturraumes etc. (In bezug auf die ideologische Identitätsstiftung ist interessant, wie sehr da linke Kulturrelativisten und rechte Kulturalisten einander gleichen.)

Zurück zum Seitenanfang

Kultur (II): Lüge und Wahrheit (24.04.2016)

Wenngleich Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft deren Kultur durchaus zu Recht als Lüge über die Realität dieser Gesellschaft, als beschönigenden ideologischen Reflex der harten Wahrheit des Kapitals denunzieren, so muß doch zugleich konstatiert werden, daß die Realität des Kapitals selbst eine Lüge darstellt, nämlich eine reale Verkehrung der Subjekte in bloße Träger von Eigenschaften und Fähigkeiten (- wie das besonders schlagend an den direkt schon so bezeichneten ‘Arbeitskräften’ zum Ausdruck kommt); eine reale Verkehrung gesellschaftlicher Verhältnisse zwischen Menschen in ein solches zwischen Dingen und ein dingliches zwischen Personen. Damit enthält die bürgerliche Kultur (bzw. was heutzutage noch davon übrig ist) als Beschönigung einer Wirklichkeit, die selber Lüge ist, selbst noch, in welch verdrehter Weise auch immer, ein Moment von Wahrheit: den Vorschein von etwas Besserem, das dem nicht eingelösten Glücksversprechen innewohnt, mit welchem Aufklärung und bürgerliche Gesellschaft einstmals angetreten.

Zurück zum Seitenanfang

Ideologie (28.03.2017)

Sagen, was man weiß.
Nicht wissen, was man sagt.

Zurück zum Seitenanfang

Mainstream (28.03.2017)

Wenn hierzulande etwas Mainstream ist, mag Mißtrauen angezeigt sein. Aber Mißtrauen ist noch keine Kritik. Hauptsache: nicht Mainstream - dies die Maxime derer häufig, die sich windschnittig dem Mainstream ihres eigenen Denkens fügen, ohne daran irre zu werden.

Zurück zum Seitenanfang

Auf den Hund gekommen (28.03.2017)

(Früherer Titel: Hundsverstand)

Viele Menschen haben zu ihrem Verstand ein Verhältnis wie zu einem Hund: “Mein Verstand und ich: wir verstehn uns prima.”

Zurück zum Seitenanfang

Kritisch (28.03.2017)

Kritisch sein heute: Der Herrschaft distanziert nach dem Munde reden und von Kritik nichts wissen wollen.

Zurück zum Seitenanfang

Ich (02.04.2017)

Heutzutage bei vielen eine Lüge sondergleichen, sobald sie dieses Wort aussprechen.

Zurück zum Seitenanfang

Gott (02.04.2017)

Nicht zu finden, wenn man ihn sucht.
Von ihm gefunden werden, wenn man ihn nicht sucht.

Zurück zum Seitenanfang

Erfahrung (02.04.2017)

Bestätigung dafür, daß man's ja immer schon gewußt hat.
Andernfalls: Bestätigung dafür, daß Ausnahmen die Regel: das eigene unverrückbare Urteil, bestätigen.

Zurück zum Seitenanfang

Meinung (I) (05.04.2017)

Auf ihrer Freiheit pochen.
Nichts gesagt haben wollen.

Zurück zum Seitenanfang

Meinung (II) (05.04.2017)

Ein Urteil in Gestalt seiner Rücknahme äußern.
Jeden Scheiß in die Form eines Urteils kleiden wollen.

Zurück zum Seitenanfang

Foto-Tourismus (05.04.2017)

Viel fotografieren.
Knips! Knips! Knips!
Nicht wissen, was man fotografiert.
Später, beim Betrachten der Bilder, sich daran erinnern, daß man's fotografiert hat.
Fotos als Statthalter nicht gemachter Erfahrung.
Keinerlei Objektbeziehung.

S. auch Fotomania

Zurück zum Seitenanfang

Direkte Demokratie (05.04.2017)

Die gewaltträchtigen Verhältnisse des Kapitals.
Ohne staatliches Gewaltmonopol.
Ohne Demokratie.

Zurück zum Seitenanfang

Bürgerliche Gesellschaft (05.04.2017)

Hat's mal gegeben: ich erinnere mich.
Sie wiederhaben zu wollen: grenzt an Kommunismus.
Das weiß ich.

Zurück zum Seitenanfang

Eigenheim (mühsam erarbeitetes) (05.04.2017)

Ein Leben lang sich krummlegen für.
Wenn man dann darin wohnt: es am liebsten in die Luft sprengen wollen.

Zurück zum Seitenanfang

Kommunismus (07.05.2017)

Theoretisch: von der bürgerlichen Gesellschaft einst - unbewußt - versprochen.
Praktisch: immer schon von ihr bekämpft.
In toto: ihr ungeliebter Bruder.

Zurück zum Seitenanfang

Weltanschauung (07.05.2017)

Die ganze Welt in der Tasche.
Quadratisch. Praktisch. Gut?

Zurück zum Seitenanfang

Gute Ratschläge (07.05.2017)

Intention: gut gemeint.
Wirkung: mörderisch.
Das perfekte Verbrechen.

Zurück zum Seitenanfang

Äußerlichkeiten (I) (13.05.2017)

Was einer denkt, welche Neigungen er hegt und welche Interessen er verfolgt: das ist natürlich Bestandteil seiner Persönlichkeit, seiner Individualität. Nichts aber sagt mehr über einen Menschen aus als sein Äußeres: seine Physiognomie, seine Mimik, seine Gestik, die Art, wie er sich kleidet und wie er die Haare trägt; wie er auftritt, wie er sich bewegt, wie er handelt. Erst im Äußeren zeigt er seine wahre Individualität - der gegenüber sein Inneres mitunter geradezu austauschbar erscheinen mag.

Zurück zum Seitenanfang

Reife (13.05.2017)

Erlangt man nicht, wenn man es sich vornimmt.
Nicht wollen.
Bereit sein.

Zurück zum Seitenanfang

Porno (13.05.2017)

Was übrigbleibt,
wenn man
vom Sex
den Sex
sich wegdenkt.

Zurück zum Seitenanfang

“Wir haben die Erde nur von unseren Kindern gepachtet.” (10.06.2017)

Vertrag ohne Vertragspartner.
Nichtig.

Zurück zum Seitenanfang

Selbstfindung (10.06.2017)

Weitergehn! Bitte weitergehn!
Hier gibt es wirklich nix zu sehn.

Zurück zum Seitenanfang

Äußerlichkeiten (II) (10.06.2017)

“Das ist eigentlich ein ganz Lieber”: Vor Menschen, deren nähere Bekanntschaft mir man solcherart empfiehlt, graut mir. Das ist, wie wenn ein unangeleinter Pitbull auf mich zuraste und das Herrchen oder Frauchen von ferne riefe: “Der will nur spielen!”

Zurück zum Seitenanfang

Sich täglich neu erfinden (10.06.2017)

Patentrezept für Leute ohne Persönlichkeit

Zurück zum Seitenanfang

Begeisterung (10.06.2017)

Als Anspruch an einen Stellenbewerber gestellt, wird damit die Erfüllung noch der ödesten beruflichen Tätigkeit eingefordert als:
Berufung.

Zurück zum Seitenanfang

Erlebnis (10.06.2017)

Wo es kein Erleben mehr gibt,
wird alles zum Erlebnis.

Zurück zum Seitenanfang

Lifestyle (10.06.2017)

... heißt der Lebensstil bei Leuten, die keinen haben, aber über Mittel verfügen, so zu tun, als hätten sie einen. Wie dieses Bedürfnis geschmacklich nicht näher bestimmt ist, ist der Markt, der es befriedigt, auch entsprechend reich an Geschmacklosigkeiten.

Zurück zum Seitenanfang

Team (23.06.2017)

Unzucht mit Abhängigen

Zurück zum Seitenanfang

Erfahrung (II) (23.06.2017)

So viele Erfahrungen.
Kaum eine einzige.

Zurück zum Seitenanfang

Konservativ (16.08.2017)

Muß man heute sein, wenn man daran festhalten will, was vor langer, langer Zeit durchaus auch einmal linker Anspruch war: das Glücksversprechen von Aufkärung und bürgerlicher Gesellschaft gegen deren schlechte Wirklichkeit zu behaupten und wahrzumachen.

Zurück zum Seitenanfang

Sich selber akzeptieren (16.08.2017)

... wie man ist: Taugt nur, wenn man sich verändern will - also als zu überwindender Ausgangspunkt einer über sich selbst hinausgehenden Bewegung. Andernfalls - wie es nämlich in den meisten Therapieansätzen und von der überwiegenden Zahl psychologischer Ratgeber vertreten wird - ist es bloße, kritiklose Affirmation des eigenen Miefs - dem man doch zu entkommen hoffte.

Zurück zum Seitenanfang

Kunst (03.09.2017)

Ein wirkliches Kunstwerk will nicht vom Betrachter verstanden werden.
Glücklich kann der sich schätzen, wenn das Kunstwerk ihn versteht.

Zurück zum Seitenanfang

Äußerlichkeiten (III) (03.09.2017)

Je tiefer man in die Psyche der Menschen vordringt, um so gleicher werden sie. Es ist, als wenn die Individuen gar nicht um ihres inneren dunklen Wesens, sondern um ihres je einzigartigen Äußeren willen existierten. Das Wesen der Individuen liegt nicht so sehr in ihrem verborgenen Inneren als vielmehr in ihrer Erscheinung. In ihr drückt sich nicht ihr Wesen bloß aus: In ihr ist ihr Wesen. (Ihr Inneres ist lediglich Grundlage dafür - und insofern freilich überhaupt nicht unwesentlich.)

Zurück zum Seitenanfang

Autonome (03.09.2017)

Linke wie rechte:
Agenten des völkischen Furors.

Zurück zum Seitenanfang

Vergeben und Versprechen (03.09.2017)

Voraussetzungen dafür, daß menschliches Handeln weder durch die Vergangenheit determiniert wird noch sich aller Aussicht begibt. Voraussetzungen dafür also, daß Handeln (als Sprengung dumpfer Kausalität) überhaupt erst möglich wird.

Zurück zum Seitenanfang

Erfahrung (III) (03.09.2017)

“Die meisten Menschen wollen keine Erfahrungen machen. Auch hindern sie daran es zu tun ihre Überzeugungen.” (Walter Benjamin) (in: Benjamin, Walter: Gesammelte Schriften, Band VI, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1991, S. 89)

Zurück zum Seitenanfang

Äußerlichkeiten (IV) (09.09.2017)

Man mag technisch noch so an seinem Äußeren, an seinem Auftreten herumdoktern: Wenn man sein Inneres nicht von seinem Äußeren überzeugt hat, rülpst das Innere (die Grundlegung des Äußeren) unanständig dazwischen und macht das Äußere eines Menschen - sein Wesen - unglaubwürdig ... nein, nicht unglaubwürdig, sondern in sich zerrissen. Glaubwürdig ist es gerade in dieser Zerrissenheit.
Man mache sich nichts vor.

Zurück zum Seitenanfang

Christentum (09.09.2017)

Ein recht verstandenes Christentum - wie es etwa Karl Rahner unter anderem in seinem Grundkurs des Glaubens (Freiburg i. Br.: Verlag Herder, 1976/2008) philosophisch-theologisch bestimmt und begründet hat - ist in gewisser Hinsicht durchaus mit der Kritischen Theorie Adornos und Horkheimers vereinbar. An und für sich sind christlicher Glaube und Kritische Theorie einander völlig äußerlich, werden aber durch das Moment der Haltung sehr wohl miteinander vermittelt. Dabei ist diese Haltung nicht etwas Drittes, was von außen hinzutritt, sondern etwas, das beiden notwendig immanent ist: Die Haltung, die aus dem christlichen Glauben folgt, und die der Kritischen Theorie innewohnende weisen starke Affinitäten zueinander auf - die ich für mich persönlich als Haltung eines Gentlemans nehme.

Zurück zum Seitenanfang

Späne (23.09.2017)

“Wenn einer erst einmal beschlossen hat: Wo gehobelt wird, da fallen Späne, ist er nicht mehr erreichbar für seine Freunde, denn er hat bereits entschieden, keine mehr zu haben, er hat sie bereits geopfert. Lauter Späne.” (Hannah Arendt) (in: Arendt, Hannah: Denktagebuch, Erster Band, München/Berlin: Piper Verlag, 2016, S. 11)

Zurück zum Seitenanfang

Bildung (23.09.2017)

Kann man nicht vermitteln. Einzig Dinge, die zur Bildung beizutragen vermögen, Bildungselemente können weitergegeben werden. Bildung selbst hingegen ist ein Wachstumsprozeß allein im Individuum: Es bildet sich - und damit sich selbst heraus: Geist (Urteilsvermögen) und Geschmack - und darüber Persönlichkeit. Und einzig daran entscheidet sich, was wirklich Bildungselemente sind. (So gesehn ist ‘Allgemeinbildung’ eigentlich ein Widerspruch in sich.)

Zurück zum Seitenanfang

Engagement (23.09.2017)

Euphemismus für vorauseilenden Gehorsam.
Auch Blähwort dafür, wenn irgendjemand irgendwie irgendwas gemacht hat.

Zurück zum Seitenanfang

Äußerlichkeiten (V) (23.09.2017)

Sich zurecht machen vor dem Spiegel und sich angemessen kleiden: eine wichtige Grundvoraussetzung dafür, anderen mit Respekt zu begegnen. (Vielleicht auch dafür, Respekt einfordern zu können.)

Zurück zum Seitenanfang

Europa (23.09.2017)

Ein deutsches Projekt.
Das Vierte Reich?

Zurück zum Seitenanfang

Dialektik (15.10.2017)

Im Denken: die einzige Weise, menschliches Handeln und von Menschen hergestellte Verhältnisse geistig erfassen zu können.(1)

In der Realität: der permanente Umschlag von Freiheit in Unfreiheit als ihrer eigenen permanenten Bedingung, also etwas sowohl in phylogenetischer als auch in ontogenetischer Hinsicht je unbedingt zu Überwindendes.

Zurück zum Seitenanfang

(1) Nachtrag vom 27.12.2017: Also, mag der Leser kommentieren, ist das erkennende Denken über Natur notwendig nicht dialektisch - oder wie? Ich muß gestehn, daß ich selbst mich, vor wie nach der Abfassung dieses Beitrages, das immer wieder gefragt habe. Und ich muß diese Frage nach der ‘Nicht-Dialektik’ jetzt kategorisch verneinen. Denn eine völlig unberührte, unbearbeitete Natur vermag allenfalls der sinnlichen Anschauung gegenüberzutreten: wenn etwa jemand eine Gegend schaut, die vor ihm noch nie eines Menschen Fuß betreten hat. Wann immer aber jemand erkennend zur Natur sich verhalten will, muß er sie entweder durch Separation, Isolation und Präparation praktisch aufbereiten zum Objekt oder vermittelst eines entsprechenden - menschengemachten - Instrumentariums (Röntgenapparat, Radioteleskop, Elektronenmikroskop, Infrarotkamera, Ultra- und Infraschallkonverter etc.) zu Leibe rücken und ihr auf diese, für die sinnliche Wahrnehmung bloß vermittelte Weise dazu verhelfen, ihm überhaupt zu etwas Anzuschauendem zu werden. Naturerkenntnis hat es so also immer schon mit bearbeiteter, insofern also: “menschengemachter” Natur zu tun. Für das erkennende Denken kann es gar keine Natur als solche geben. So gesehn muß man mithin sagen, daß das Denken, verstanden als das redliche Bemühn geistiger Erfassung seines Gegenstandes, sowohl im Individuum wie auch historisch in der Tat letztendlich immer dialektisch sich entwickelt. Für den Fortgang des Beitrags ist das freilich ohne Bedeutung; denn dafür bleibt schlicht festzuhalten, daß Dialektik genuin und originär erst einmal eine rein geistige Figur ist.

Zurück zum Seitenanfang

Denken und Wirklichkeit (15.10.2017)

Begriffe - diese notwendigen Bausteine und Resultate des Denkens - sind immer auch Abstraktionen; wie Abstraktionen wiederum das ihnen gemäße Medium zwangsläufig einzig im Denken haben können.

Das Kapital aber, verstanden als die gesellschaftlichen Verhältnisse der kapitalistischen Ökonomie, betreibt Realabstraktion, setzt Denken und Wirklichkeit in eins und vollführt im Prozeß seiner ständigen Verwertung die Selbstbewegung eines geistlosen, sich seiner selbst nicht bewußten Subjekts, wohingegen es die empirischen Subjekte, die ihm unterworfen sind, zu entgeistigten Charakter- und Denkmasken degradiert, deren Denkens und Tuns es bedarf, um seine Selbstbewegung, seine Selbstverwertung zu vollziehen, für die die realen Individuen ihre Lebenszeit, ihre Bedürfnisse und ihre Gesundheit zu opfern haben. Wie Hegel schon treffend irgendwo in seinen Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie bemerkte:

“Abstraktionen in der Wirklichkeit geltend machen, heißt Wirklichkeit zerstören.”

Zurück zum Seitenanfang

Seltsam? (13.11.2017)

Zumindest selten:
Neulich erblickte ich auf der Straße einen Mann,
der sah sich zum Verwechseln ähnlich

Zurück zum Seitenanfang

Politik und Moral (13.11.2017)

Wenn Politik moralisch wird, kündigt das unweigerlich an, daß die Bürger künftig noch weniger zu lachen haben werden. Ob die Politiker selbst an ihre Moral glauben oder nicht (- im ersteren Fall gilt das ganz besonders).

Zurück zum Seitenanfang

Werte (13.11.2017)

Werte sind das höchste Gut,
weil man für sie sch-terben tut.

Zurück zum Seitenanfang

Inspiration (14.11.2017)

Nichts und niemand kann einen inspirieren. Inspirationen sind Eingebungen, zeigen an diesem Begriff also schon, daß ihre Herkunft jeglicher Erklärung sich entzieht.(1) Derjenige, der von inspirierenden Produkten oder Menschen faselt - wie das heute, wo jedermann sich durch irgendeinen Mülleimer inspiriert fühlen darf, üblich ist -, weiß im besten Fall einfach nicht, was er sagt oder wovon er spricht, im weniger günstigen Fall ist er nicht vertrauenswürdig, im schlimmsten unzurechnungsfähig.

----------------------------------------------------

(1) Am ehrlichsten und wohl auch am dichtesten an der Wahrheit ist jene etwas ‘altmodische’ “Erklärung”, wonach Inspirationen von Gott kommen. Auch die Ansicht, daß bestimmte Situationen oder Stimmungen einen zu inspirieren vermöchten, kann vielleicht eine gewisse Wahrheit für sich verbuchen. Aber es sind nicht solche Situationen und Stimmungen selbst, die inspirieren, sondern die grundlegende Transzendentalität des Menschen ist es, die Inspiration zu geben vermag - für die dann bestimmte Situationen und Stimmungen durchaus als Geburtshelfer dienen mögen.

Zurück zum Seitenanfang

Dialektik der Medien (14.11.2017)

Je smarter das Equipment, desto weniger smart häufig der Nutzer. Je vielfältiger die virtuelle Verbindung mit “aller Welt”, desto weniger in der Welt, desto weltfremder die “Verbundenen”.

(Schuld daran ist natürlich nicht die Tatsache, daß es den Massen-Buchdruck, die Presse, das Radio, das Fernsehn, das Internet und das Smartphone gibt. Der Grund besteht vielmehr darin, daß diese Medien solche in antagonistischen Gesellschaften sind - unter Bedingungen mithin entwickelt worden sind und genutzt werden, in denen, zum einen, der Nutzen der einen notwendig zugleich den Schaden anderer bedeutet und, zum andern, jeder Fortschritt in der Technik, also in der Kontrolle der äußeren Natur a) auch einen Fortschritt in der Kontrolle der inneren Natur des Menschen und zugleich b) eine fortschreitende Versklavung der äußeren wie der inneren Natur darstellt.)

Zurück zum Seitenanfang

Sinnfrage (14.11.2017)

Antwort egal.
Die Frage ist schon verkehrt.

Zurück zum Seitenanfang

Kommen (14.11.2017)

“Wir freuen uns auf Ihr Kommen.” Behördenmäßiges Blähdeutsch mit unfreiwillig sexuellem Anklang und daher besonders lächerlich. Klarstellung darüber, daß man sich auf einen schlichten Besuch oder den Besucher selbst nicht recht zu freuen vermag. Wenigstens ehrlich.

Zurück zum Seitenanfang

Bildung (II) (18.11.2017)

Ergänzend zu meinem Beitrag Bildung vom 23.09.2017 möchte ich noch anmerken, daß Bildung zwar ein im Individuum stattfindender Prozeß ist, aber keineswegs, wie so manche Ideologie es behauptet, von innen kommt, sondern, im Zusammenhang ihrer Vermittlung resp. ihrer Bildungselemente, von außen nach innen sich vollzieht. Die Grundlage von Bildung stammt allererst aus der Welt, sei es in Gestalt sinnlicher Erfahrung, sei es in Form vermittelter Kenntnisse. Erst und einzig auf dieser Grundlage vermag es im Einzelnen zum Prozeß der Bildung zu kommen.

Zurück zum Seitenanfang

Äußerlichkeiten (VI) (19.11.2017)

“Die Lüge ist diätetische Lebensnotwendigkeit für jeden Menschen, dem nicht ständig ohne Unterbrechung die letzte strenge Intention auf Wahrheit gegenwärtig ist. Werden ohne sie die Sachverhalte berührt, so entsteht eine Verschmutzung und Verstopfung des Lebens. Nicht zufällig, daß das schrankenlose Alles-Heraus-Sagen sich nicht selten bei Menschen findet, die auch äußerlich unreinlich sind [...]; Gegensatz hierzu der äußerlich gepflegte Typus des Diplomaten.” (Walter Benjamin) (in: Benjamin, Walter: Gesammelte Schriften, Band VI, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1991, S. 62)

Zurück zum Seitenanfang

Depression (20.11.2017)

(In memoriam Mark Fisher)

Wenn Depression zur Haltung sich verfestigt hat und in diesem Sinne pathologisch geworden ist, möchte ich um nichts auf der Welt - durch die sie, bei aller Selbstverantwortlichkeit des Depressiven, schließlich hervorgerufen - der Therapeut sein. Die Haltung des Depressiven aber kann so oder so ausfallen. Einer, der sich nicht in sie gefügt, sondern sie produktiv gewendet hat, indem er gegen sie anschrieb, hat damit im guten Sinne das Beste aus ihr gemacht: Mark Fisher ist es gelungen, seine Depression als Kritik gegen die Welt zurückzuschleudern. (Diese Kritik soll hier jetzt nicht beurteilt werden.) Daß er mit seinem ‘Freitod’ der Depression dennoch erlag, spricht weder gegen ihn noch gegen seine Kritik, sondern einzig gegen diese Welt.

Womöglich habe ich unverdientes Glück darin gehabt, seit ich denken kann (1) einen melancholischen Zug an mir zu haben - und damit vielleicht seit jeher gegen pathologische Depression gefeit zu sein: In der Melancholie nämlich vermag das Leiden an der Welt eine Liebe zu ihr zu bewahren - eine amor mundi, die notwendig ist, um eine, und sei es mitunter noch so unbegründete Hoffnung auf eine die Welt in ihrer Schlechtigkeit überwindende Versöhnung mit ihr - der Welt - zu hegen. Ohne eine solch “haltlose” Hoffnung wäre ich höchstwahrscheinlich zur folgenlos herumgrantelnden Elendsgestalt oder zum angepaßten Jetset-Sozialisten geworden - oder, womöglich schon vor Jahrzehnten, dort gelandet, wo Mark Fisher jetzt seit Anfang des Jahres (2017) weilt.

(Letztendlich aber ist es meine Frau gewesen, die dieses unverdiente Glück überhaupt mir zur ideell wie praktisch relevanten Haltung werden ließ. Ihr sei tausend- und abertausendmal Dank.)

----------------------------------------------------

(1) Nein, ich weigere mich, hier ein grammatisch gebotenes Komma zu setzen: Der Satz ist nicht nur auch ohne dieses Komma verständlich, vielmehr litte seine Verständlichkeit grad mit einem solchen Komma.

Zurück zum Seitenanfang

Atheismus (05.12.2017)

Aus der uninteressanten Banalität, nicht an Gott (oder Götter) zu glauben, ein eigenes Bekenntnis, ja eine ganze Lehre verfertigen, das bzw. die mit religiöser Inbrunst in die Welt hinausposaunt wird. Häufig antisemitische Momente enthaltend.

Zurück zum Seitenanfang

Lebenslanges Lernen (13.12.2017)

Programm zur Verhinderung und Austreibung unreglementierter Erfahrung und kritischen Denkens

(Der zum Terminus ‘lebenslanges Lernen’ “lebenslänglich” als Strafmaß assoziiert, liegt mithin so falsch nicht.)

Zurück zum Seitenanfang

Gelassenheit (13.12.2017)

Ich kanns echt nicht mehr hören: dieses Gebot, alles gelassen zu nehmen. Mag auch ‘Gelassenheit’ ursprünglich die sympathische Bedeutung gehabt haben, sich in Urteil und Haltung nicht durch spontane Impulse beeinträchtigen zu lassen, so ist dieser Begriff heute doch zum Alles-Zulassen verkommen: alles ertragen, alles gleichgültig nehmen, keine Unterschiede machen: So paßt der Einzelne immer zu den Anforderungen, die an ihn gestellt werden. “Gelassene” sind unaufgeregt daherkommende Abziehbilder der Verhältnisse, die sie nicht in der Hand haben.

Zurück zum Seitenanfang

Werte (II) (13.12.2017)

Für je notwendiger und dringlicher Werte heute erachtet werden, desto beliebiger und zum Teil auch platter werden sie. Nichts entlarvt die aktuelle Bodenlosigkeit, genauer eigentlich: gesellschaftliche Tragunfähigkeit von Werten so sehr wie die allenthalben stattfindende öffentliche Wertediskussion (- in der im Prinzip, wenn auch nicht geduldet, noch jeder Nazi konstruktiv mitmischen könnte).

Zurück zum Seitenanfang

Team (II) (13.12.2017)

Euphemismus für: das Kapital sagt an, und die Belegschaft tut so, als handelte sie aus Teamgeist, dessen oberster Repräsentant die Geschäftsleitung bzw. der Vorstand ist. Wehe dem, der da einmal außerhalb des Konsenses sich stellt: Rasch wird die Sau durch die Hallen oder die Büros getrieben.

Zurück zum Seitenanfang

Loriot (16.12.2017)

Kennt heut kein Schwein mehr. Und wenn jemand der ‘Heutigen’ damit konfrontiert wird, kann er über diesen Humor nicht lachen. Das liegt sicherlich auch am Verlust wohlverstandenen Feinsinns in der deutschen Gesellschaft. Vor allem aber ist dieses Faktum darin begründet, daß dem Loriot-Humor schlicht und einfach sein Gegenstand mitsamt der gesellschaftlichen Atmosphäre, in die er eingebettet war, abhanden gekommen ist.

Zurück zum Seitenanfang

Dialektik von Gesetz und Erlösung (Thomas Maul) (16.12.2017)

“[...] Dialektik von Gesetz und Erlösung [...]: Das Gesetz, das vor dem Bösen schützt, und die Erlösung, die auf das Gesetz verzichten kann, weil sie das Böse überwunden hat, sind voneinander nicht streng geschieden. Vielmehr wird so etwas wie Erlösung in der Wirklichkeit erst denkbar, wenn die Aufweichung des Gesetzes mit mindestens im selben Maße gelingender Sublimation aggressiver Triebregungen (denn diese sind ganz allgemein das Böse) einhergeht.

Indem sie die in Hinsicht auf ihre ursprünglichen Ziele notwendig enttäuschten Triebregungen im wahrsten Sinne des Wortes verzärtelt und ihnen statt grob-sinnlicher Abfuhr ästhetische Entwicklung öffnet, steht Sublimation im Mittelpunkt einer nicht-barbarischen Hoffnung auf die Versöhnung von Individuum, Gesellschaft und innerer wie äußerer Natur, von Geist und Leib. Nur Sublimation also macht es möglich, das Gesetz als Schutz vor dem Bösen ohne traumatischen Verzicht zu befolgen - und es damit zu erfüllen und zugleich überflüssig zu machen: säkularisierter Gehalt des Messianischen.”

(Maul, Thomas: Drei Studien zu Paulus - Über den Zusammenhang von Gesetz, Erlösung und Antisemitismus im Christentum, Berlin: XS-Verlag, 2014, S. 7f)

Zurück zum Seitenanfang

----------------------------------------------------

----------------------------------------------------

AAC-Fackel

Zitate von Karl Kraus, bei denen als Quellenangabe die AAC-Fackel aufgeführt ist, sind der großartigen Online-Datenbank-Ausgabe der Krausschen Fackel entnommen, die vom Austrian Acadamy Corpus ins Internet gestellt worden ist:
Herausgeber: AAC - Austrian Academy Corpus
Titel: AAC-FACKEL
Untertitel: Online Version: "Die Fackel. Herausgeber: Karl Kraus, Wien 1899-1936"
Reihentitel: AAC Digital Edition Nr. 1
URL: http://www.aac.ac.at/fackel
Abrufdatum: findet sich hinter der Quellenangabe des betreffenden Zitats

Zurück zum Seitenanfang