Die Gesellige Läuterung des Kapitalismus (11.11.2014)

20 Thesen zur Freiwirtschaft

[Vorbemerkung: Diesen Artikel hatte ich im Dezember 1998 für das Institut für sozio-innovative Systeme geschrieben und in der von mir herausgegebenen Zeitschrift Der Netzwerker veröffentlicht. Insonderheit zu der in diesem Beitrag vertretenen theoretischen Kritik am regressiven Antikapitalismus der Freiwirte stehe ich nach wie vor, und ich finde sie heute so aktuell wie damals - nicht nur in bezug auf die Freiwirtschaftslehre (die heute u. a. von der Humanwirtschaftspartei verbreitet wird), sondern im einen oder andern auch betreffs verschiedener anderer politischer Anschauungen, die die Befreiung der Marktwirtschaft vom Kapitalismus sich auf die Fahnen geschrieben haben.
     Was ich heute keinesfalls mehr vertrete, ist der in diesem Artikel verfochtene strategisch-taktische Standpunkt zum linken Flügel der freiwirtschaftlichen Bewegung, wonach dessen Repräsentanten in einen “innerlibertären Diskussionsprozeß mit einbezogen werden” sollten. Damals fühlte ich mich halt politisch noch der libertären Linken zugehörig. Heutzutage würde ich Links-Freiwirtschaftlern nicht mehr ein solches Angebot unterbreiten wollen: erstens weil ich die Offerte einer gemeinsamen politischen Debatte mit Freiwirten, seien sie rechts oder links oder sonstwie, mittlerweile für eine Inkonsequenz gegenüber meiner theoretischen Kritik halte; und zweitens bin ich inzwischen mit der gesamten Linken, auch der libertären, fertig - Arschlecken, Rasiern drei fuffzich. Auch die “rege Aufgeschlossenheit” der Freiwirte “gegenüber der alternativ-ökonomischen Scene” betrachte ich heute keineswegs mehr als etwas positiv zu Vermerkendes, da ich mit ebendieser Scene gleichfalls nichts mehr am Hute habe.
     Die im Original-Vorspann enthaltenen wortspielerischen Spitzen beziehen sich auf den Politikwissenschaftler Prof. Elmar Altvater und die Zeitschrift PROKLA - Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft (früher Probleme des Klassenkampfs).]

In den letzten Jahren macht in Deutschland eine politische Bewegung wieder vermehrt von sich Reden, die, nach ihrer Blütezeit im ersten Drittel dieses Jahrhunderts und einer kurzen Renaissance nach dem Zweiten Weltkrieg, jahrzehntelang ein Dasein in der Versenkung geführt hat: die freiwirtschaftliche Bewegung, im Folgenden auch kurz Freiwirtschaft genannt. Diese Bewegung versteht sich als kompromißlos antikapitalistisch und geriert sich dabei mitunter wesentlich radikaler als man es heute von grünen Fundis, von der PDS oder von Altva(e)terlichen ProKlamatoren gewohnt ist. Die Anhänger der Freiwirtschaft, die sich selbst Freiwirte nennen, warten mit einem erfrischenden Materialismus auf - was man von der heutigen Linken leider kaum mehr behaupten kann - und zeigen zu einem Gutteil eine rege Aufgeschlossenheit gegenüber der alternativ-ökonomischen Scene.

Dem Kapitalismus wollen die Freiwirte den Garaus machen, indem sie die Herrschaft des Geldkapitals, das Diktat des Zinses brechen wollen. Sowas in der Art hatten sich auch die Nazis schon mal auf die Fahnen geschrieben ( “Brechung der Zinsknechtschaft”). Das bloße Deuten auf diese Gemeinsamkeit ist aber nicht, wie viele Linke irrtümlich meinen, schon der Beweis für eine faschistische oder faschistoide Gesinnung der Freiwirte und enthebt einen auch nicht der Notwendigkeit einer Kritik des freiwirtschaftlichen Ansinnens selbst (um die sich moralinabgefüllte Antifa-Leutchen so gerne drücken, wenn sie sich mal mit der Freiwirtschaft “befassen”). Im Folgenden wollen wir diese Kritik leisten, indem wir uns die Kapitalismustheorie der Freiwirte vornehmen - und dabei wird sich zeigen, ob und inwiefern es zwischen freiwirtschaftlichem und faschistischem Antikapitalismus Affinitäten gibt. Ebenso wird sich herausstellen, warum die meisten Linken zu einer wirklichen Kritik der Freiwirtschaftslehre nicht fähig sind: weil sie nämlich einige grundlegende Fehler mit den Freiwirten teilen.

Außer der “Zinsknechtschaft” wollen die Freiwirte auch das Bodenmonopol brechen. Für eine prägnante, grundlegende Beurteilung ihrer Kapitalismuskritik ist das aber ohne Belang, so daß wir im Rahmen unseres vorliegenden Beitrages darauf verzichten, auf die Stellung der freiwirtschaftlichen Lehre zum Grundeigentum einzugehn. Hier nun unsere 20 Thesen zur Freiwirtschaft:

1. Die freiwirtschaftliche Bewegung - begründet durch den deutsch-argentinischen Kaufmann Silvio Gesell (1862 - 1930) - treibt ein paradoxes Ansinnen um: Angetreten, den Kapitalismus aus der Welt zu schaffen, will sie doch nicht an seinen Grundlagen rütteln. Stattdessen reißt sie den inneren Zusammenhang kapitalistischer Marktwirtschaft auseinander und betreibt ihre Gegnerschaft zum Kapitalismus grade im Namen der Marktwirtschaft.

2. Das Geschäft, die Marktwirtschaft von ihren “kapitalistischen Verzerrungen” zu befreien, verwechselt konsequent Ökonomie mit Moral: Freiwirtschaftler sehen im Kapitalismus den Mißbrauch einer an sich guten Sache am Werk, deren Gutheit sie auch gleich schon für so unwidersprechlich halten, daß sie der vom kapitalistischen Zugriff befreiten Marktwirtschaft glatt das Prädikat “natürlich” zusprechen: “Natürliche Wirtschaftsordnung” (NWO) hat Gesell sein Konzept einer freiwirtschaftlich kastrierten Marktwirtschaft genannt - und dabei überhaupt nicht gemerkt, wie paradox es ist, eine Ordnung als “natürlich” zu bezeichnen, die man doch erst schaffen will.

3. Entsprechend ihrem praktischen Zweck, mit der marktwirtschaftlichen Form der kapitalistischen Ökonomie gegen deren Inhalt zu Felde zu ziehen, betätigen sich Freiwirte in ihrer Theorie als schlechtes Gewissen der bürgerlichen Volkswirtschaftslehre (VWL), deren ideologischen Boden sie in keinem Moment verlassen: Wie die VWL behaupten sie ökonomische Bestimmungen des in der bürgerlichen Gesellschaft hervorgebrachten Reichtums wie Ware, Geld und Kapital als seine natürlichen Eigenschaften und den im Privateigentum per staatlicher Gewalt hergestellten Ausschluß andrer vom gesellschaftlichen Reichtum als der “menschlichen Natur” gemäß. (Seltsam, daß die menschliche Natur bzw. das ihr Gemäße immer erst der staatlichen Gewalt bedarf, um Gültigkeit zu erhalten ...)

4. An Ware, Geld und Kapital selbst wollen die Freiwirte den Kapitalismus nie und nimmer entdecken (- eine Blindheit übrigens, mit der heutzutage auch der größte Teil der Linken geschlagen ist). Ganz ehrlich von der Schlechtigkeit des Kapitalismus überzeugt, können sie dessen Gründe und Zwecke wie auch seine Struktur unmöglich in denjenigen Verhältnissen auffinden, die sie ja grad als natürliche und der Menschennatur gemäße behauptet haben. So kann das Kapitalistische nur noch von außen in die Welt der Marktwirtschaft gelangt sein. Die Freiwirte entdecken es dort, wo auf dem Markt Transaktionen stattfinden, die ganz offenkundig dem Grundsatz des Äquivalententausches (an dem selbst sie ja nichts auszusetzen finden) zu widersprechen scheinen: Am zinstragenden Kapital (Geldkapital/Kredit) bemerken sie das Paradoxon, daß Geld, d.h. der Maßstab aller Preise, hier selbst einen Preis hat - den Zins eben: Geliehenes Geld ist nicht etwa damit bezahlt, daß man es einfach wieder zurückzahlt, sondern man muß immer mehr zurückzahlen, als man sich ausgeliehen hat. Das finden Freiwirte höchst ungerecht.

5. Im zinstragenden Kapital, in dem direkten, scheinbar durch keine Zwischenglieder mehr vermittelten Austausch von Geld gegen mehr Geld, wird eine fundamentale Wahrheit offenbar: Kapital ist eine leistungslose Aneignung von Reichtum, den andre schaffen. Freiwirte haben diese Wahrheit durchaus erkannt, wollen sie jedoch nur für das zinstragende, das Finanzkapital gelten lassen; das produktive (und weitgehend auch das kommerzielle) Kapital wie auch dessen Funktionäre, die Unternehmer (die fungierenden Kapitalisten), zählen sie in ihrer Kapitalismustheorie mit zu den Opfern des Kapitalismus.

6. Auf diese Weise gerät den Freiwirten der Gegensatz zwischen zwei Funktionsbestimmungen des Kapitals: einerseits fungierendes, andrerseits zinstragendes Kapital zu sein - zu einem moralischen Gegensatz: Bei ihnen steht “gutes”, weil produktives, fungierendes, also direkt in die Wirtschaft investiertes Kapital gegen “schlechtes”, weil zinstragendes, also bloß akkumulierendes Kapital. Der kapitalistische Grundantagonismus zwischen (Lohn-)Arbeit und Kapital verwandelt sich bei den Freiwirten so in einen Gegensatz zwischen “schaffendem” und “raffendem” Kapital (auch wenn sie diese Ausdrucksweise zumeist nicht verwenden) - und Lohnarbeiter und Unternehmer finden sich plötzlich sozusagen auf derselben Seite der Barrikaden wieder.

7. So schaffen es Freiwirte, eine Kapitalismuskritik zu verfertigen, ohne das Kapital selbst zu kritisieren. Die kapitalistische Ausbeutung besteht für sie darin, daß eine Horde Schmarotzer (Geldkapitalisten, Banken sowie Unternehmer, die ihrer wirtschaftlichen “Investitionspflicht” nicht nachkommen und einen Teil ihres Kapitals als Geldkapital anlegen) die marktwirtschaftliche Ordnung dazu mißbrauchen würde, aus ihr Geld rauszuziehen, es zu horten und das gehortete Geld dann, bei größer werdender Kapitalknappheit auf seiten der “produktiven” Unternehmer, gegen Zins dosiert wieder in die Wirtschaft zurückfließen zu lassen. Indem diese verantwortungslosen Raffgeier “künstlich” Kapitalknappheit erzeugen und auf dieser Basis dann das produktive Kapital dazu erpressen, ihnen von seinem sauer verdienten Profit permanent was abgeben zu müssen, bringen sie die ganze schöne Marktwirtschaft durcheinander und aus ihrem Gleichgewicht: Ein immer größer werdender Anteil der wirtschaftlichen Leistungen muß für die Zinszahlung aufgebracht werden, während auf seiten des Geldkapitals ein ständig wachsender Anspruch auf Reichtum akkumuliert. Die Folgen: verschärfte Konkurrenz, Arbeitslosigkeit, Verarmung breiter Bevölkerungskreise, wachsende Staatsverschuldung, unsichere Renten, Krisen usw., ja sogar gewalttätige Unruhen und Kriege.

8. Der Befund, zu dem die Freiwirte hinsichtlich der real existierenden Marktwirtschaft kommen, ist schon seltsam: Eine Wirtschaftsordnung, die an und für sich natürlich und menschengemäß ist, hat bislang noch nie anders als der Mißbrauch, den man mit ihr anstellt, existiert. Statt bei der Konstatierung eines solchen Sachverhaltes den Schluß zu ziehen, daß mit dieser Wirtschaftsordnung dann vielleicht doch etwas nicht so ganz stimmt, daß also Marktwirtschaft vielleicht doch nicht so das Ideale ist, halten sie unbeirrt an ihrem Dogma fest, daß die Marktwirtschaft an sich edel, hülfreich und gut wäre, und beteuern, daß, wenn man die Möglichkeit der Geldhortung konsequent unterbinden würde, die guten und natürlichen Potenzen der Marktwirtschaft sich endlich frei entfalten könnten und so endlich eine wirklich “Natürliche Wirtschaftsordnung” entstünde.

9. Bei jenem Personenkreis, der sein Einkommen leistungslos über Zinseinkünfte bezieht, muß es sich, der freiwirtschaftlichen Logik zufolge, um eine besondre Sorte Mensch handeln; eine Sorte, die sich beständig gegen das eigentlich Menschengemäße, gegen die Menschennatur verhält. (Natürlich meinen Freiwirte damit nicht die Kleinsparer, kleinen Rentner usw., sondern diejenigen, die das Zinsscheffeln im großen Maßstab und professionell betreiben: eben die Geldkapitalisten, die Banken, Unternehmer, die Teile ihres Kapitals lieber gegen attraktive Zinsen als Geldkapital anlegen, als es in die Wirtschaft zu investieren usw.). Freiwirte vermögen also der logischen Struktur kapitalistischer Marktwirtschaft nicht mehr die Gründe dafür zu entnehmen, daß ein Teil des durch sie hervorgebrachten Reichtums notwendigerweise die Form des zinstragenden Kapitals bzw. des Zinses annimmt; vielmehr erklären sie umgekehrt die kapitalistische Formbestimmtheit der Marktwirtschaft aus der Raffgier irgendwelcher Geldsäcke, Profitgeier und Müßiggänger. (Von Linken kennt man solche Verkehrungen ebenfalls zur Genüge: Statt den Profit und das Profitinteresse aus dem Kapitalverhältnis herzuleiten, betrachten sie letzteres vielmehr als Ausfluß einer Profitgier der Kapitalisten.)

10. Die freiwirtschaftliche Erklärung des Kapitalismus entpuppt sich damit als eine Erklärung nur der Form nach; vom eigentlichen Gehalt her besteht sie hingegen vielmehr im Wälzen der Schuldfrage: Wer sind die Säu', die die schöne Marktwirtschaft so schändlich zu ausbeuterischen Zwecken mißbrauchen, und wie machen die das? Wie schon bei der falschen Entgegensetzung, die die Freiwirte zwischen produktivem und zinstragendem Kapital machen, sehn wir also auch hier Moral anstelle des Bemühens um rationelle Theorie am Werke. Klar: Wer auf die Marktwirtschaft nichts kommen lassen will, muß kapitalistische Ausbeutung entweder leugnen oder sie, wie die Freiwirte es tun, in dem Verhältnis verorten, das irgendwelche Gierschlünde aufgrund ihres üblen, ausbeuterischen Charakters ökonomisch zur Marktwirtschaft einnehmen.

11. Latent enthält eine solche Versubjektivierung des Kapitalismus einen strukturellen Rassismus: Der freiwirtschaftliche Befund: System (Marktwirtschaft) an sich gut und natürlich, aber gewisse Kreise (Geldkapital) mißbrauchen es unnatürlicherweise zu ausbeuterischen Zwecken - will von objektiven Gründen und Zwecken des Kapitalismus nichts wissen und betrachtet ihn als Ausfluß der Ausbeutermentalität, der Raffgier eines besondren Menschenschlages. Von hier aus ist es dann zwar kein zwangsläufiger, aber auch kein sonderlich weiter Schritt, um die moralische Entgegensetzung von “schaffendem” und “raffendem” Kapital nun endlich vollends von irgendwelchen Erinnerungen an ökonomische Formbestimmungen des Kapitals abzukoppeln und sich diesbezüglich auf den Standpunkt jener Ideologie zu stellen, die jene moralische Entgegensetzung erst so richtig publik und populär gemacht hat: auf den Standpunkt des Faschismus.

12. Die faschistische Kritik am Kapitalismus - sozusagen der “Antikapitalismus des dummen Kerls” (Jürgen Elsässer - frei nach Engels) - macht aus dem in der freiwirtschaftlichen Theorie vorhandenen strukturellen Rassismus das, wozu dieser Rassismus als Rassismus einzig taugt: eine nationalistische Kritik am “raffenden” Kapital. Die moralische Entgegensetzung von “schaffendem” und “raffendem” Kapital schreitet so zur Entgegensetzung von “gutem”, weil deutschem und damit “schaffendem” Kapital einerseits und “schlechtem”, weil internationalem, also volksfremdem und mithin bloß “raffendem” Kapital andrerseits.

13. Statt “international” kann man im letzten Satz auch “jüdisch-international” einsetzen: Zum einen wurden die Juden im Mittelalter von der christlichen Kirche in die Sphäre der Geldgeschäfterei gedrängt, zum andern hatten die Juden zur Zeit der Entstehung und Reifung der ideologischen Entgegensetzung von “schaffendem” und “raffendem” Kapital keinen “eigenen” Staat, sondern lebten in vieler Herren Länder. Diese zwei Umstände in Tateinheit miteinander “mußten” ja jeden aufrechten deutschen Volksgenossen gegen die Juden einnehmen.

14. Da die Freiwirte bislang keine rationelle Kritik am Nationalismus zustande bekommen haben, vielmehr meist selbst Anhänger des gewöhnlichen bürgerlichen Nationalismus sind, ist klar, daß freiwirtschaftliche Sympathien für den Nationalsozialismus, die in den 30er Jahren durchaus keine Seltenheit waren, absolut keinen “Ausrutscher” darstellen: Wenn auch von den meisten Vertretern der Freiwirtschaft nicht vollzogen, ist der Übergang zu einer faschistischen Kritik am Kapitalismus doch durchaus eine logische Konsequenz aus Silvio Gesells falscher, weil moralischer Entgegensetzung zwischen produktivem und zinstragendem Kapital.

15. Ist die Loslösung des Gegensatzes von produktivem und zinstragendem Kapital von jedweder ökonomischen Bestimmung erstmal so weit fortgeschritten, daß sich jeder Antisemit darin heimisch fühlen kann, lassen sich auch schnell weitere Schmarotzer am ökonomischen Volkskörper ausmachen: die Asylanten, die Ausländer, die Sozialhilfeempfänger, irgendwelche Gewerkschafts-“Bonzen” etc.

16. Die Verabsolutierung des Gegensatzes zwischen produktivem und zinstragendem Kapital kann zu faschistischen Ejakulationen des freiwirtschaftlichen Geistes führen, muß es aber keineswegs. So gibt es unter den Freiwirten auch eine ganze Reihe Leute, die den (im Original latent vorhandenen) strukturellen Rassismus der Gesellschen Lehre nicht mitmachen (aber auch nicht wahrhaben) wollen. Diese Leut' haben sich wenigstens eine Erinnerung daran bewahrt, daß der Begriff ‘Kapitalismus’ keine moralische Kategorie darstellt, sondern ein objektiv-reales System kennzeichnet, das entsprechend struktural-logisch erklärt gehört. Zum Kreis solcher kritischen Vertreter der Freiwirtschaft - die wir hier mal als linken Flügel der freiwirtschaftlichen Bewegung oder kurz als freiwirtschaftliche Linke zusammenfassen wollen - zählen beispielsweise Leute wie Wilhelm Schmülling und Bernd Hercksen (beides Redakteure der “überkonfessionellen” Freiwirte-Zeitung “Der dritte Weg”), Johannes Heinrichs (Autor des Buches “Der Sprung aus dem Teufelskreis”; versucht, eine Brücke zwischen Freiwirtschaft und Sozialismus zu schlagen), Klaus Schmitt (Anarcho-Freiwirt; Herausgeber und Hauptautor des Buches “Silvio Gesell - ‘Marx’ der Anarchisten?”; hat vor kurzem das alte Anarchoblatt “883” wieder zum Leben erweckt) und Bernd Senf (der eigentlich kein richtiger Freiwirt ist, der Gesellschen Lehre aber viel Sympathie entgegenbringt; Autor des Buches “Der Nebel um das Geld”). Das linksgesellianische Spektrum reicht bis tief in die libertäre Scene hinein und sollte daher in den innerlibertären Diskussionsprozeß mit einbezogen werden.

17. Den Kapitalismus kann man auch durch noch so viel Herumdoktern an Geldkapital und Grundeigentum nicht überwinden - ihn treffen könnte man damit aber möglicherweise schon: Würde der Zins, wie die Freiwirte es wollen, gegen Null gehn, wäre zum einen die Macht des Geldkapitals stark eingeschränkt oder sogar gebrochen, zum andern wäre u.a. eine nicht unbeträchtliche Reallohnerhöhung die Folge. Daher würden wir jeden Erfolg der freiwirtschaftlichen Linken in dieser Richtung begrüßen - allerdings ohne uns davon in irgendeiner Weise abhängig zu machen; denn die ganzen von den Freiwirten ersonnenen “antikapitalistischen” Maßnahmen sind durch die Bank weg solche, die vom Staat und seinen Institutionen umgesetzt werden müssen (- das ist bei Marktwirtschaftfans auch nicht anders zu erwarten -), und ebendieser Staat ist die politische Gewalt der kapitalistischen Ökonomie und verliert diese Bestimmung nicht schon dadurch, daß er freiwirtschaftliche Reformen durchzieht (die ja grade nicht auf die Überwindung des Kapitalismus selbst, sondern günstigstenfalls auf die Einschränkung oder Brechung der Macht des Geldkapitals hinauslaufen würden).

18. Ausgerechnet den Staat zum Subjekt eines antikapitalistischen Prozesses machen zu wollen, ist ein paradoxes Unterfangen, und zwar eines, das sich die Freiwirte sowohl mit sozialbewegten Faschisten wie auch mit der klassischen Linken und der traditionellen Arbeiterbewegung teilen. Für die Befreiung der Individuen vom Kapitalismus auf eine Macht zu setzen, die nicht ihre eigene ist, kann zu allem möglichen führen, nur eben zu jener Befreiung nicht; im günstigsten Falle resultiert aus dem Setzen auf die Staatsmacht ein vorübergehend gemäßigter Kapitalismus (freiwirtschaftliche Ordnung) oder ein “Kapitalismus ohne Kapital” (Staatskapitalismus bzw. Staatssozialismus), im ungünstigsten Fall faschistische Barbarei.

19. Sofern die freiwirtschaftlichen Maßnahmen zur Einführung der “Natürlichen Wirtschaftsordnung” überhaupt irgendeine Chance auf Verwirklichung haben - was wir, ehrlich gesagt, zu bestreiten wagen -, können sie, wie schon erwähnt, allenfalls zur Einschränkung oder Brechung der Macht von Geldkapital und Grundeigentum führen. Für die Arbeiter würde das zwar eine beträchtliche Reallohnerhöhung mit sich bringen, aber weder Kapital noch Lohnarbeit hätten zu existieren aufgehört. Die Konkurrenz der Kapitale würde sich zunächst mal auf deutlich reduzierter Stufenleiter bewegen, der eine oder andre Unternehmer würde seinen durch die deutliche Minderung oder gar Abschaffung des Zinses gestiegenen Gewinn womöglich sogar zur Schaffung neuer Arbeitsplätze nutzen. Aber es widerspräche sowohl dem Begriff der Konkurrenz wie auch dem des Kapitals, einen bestimmten Status einfach beizubehalten. “Die Konkurrenz schläft nicht”, weiß noch jeder Unternehmer zu berichten, und das ist nichts andres als die alltagssprachliche Übersetzung der im Begriff des Kapitals gegebenen quantitativen Maßlosigkeit desselben. Weder im Begriff des Kapitals noch in dem der Konkurrenz findet sich irgendein Anhaltspunkt für ein im Endlichen liegendes Ziel. Die Einführung der NWO würde also nur zu einer vorübergehenden sozialen Abmilderung des Kapitalismus führen; nach einiger Zeit wär alles wieder so wie vorher: die Reallöhne wären wieder auf den alten Stand gesunken, die Arbeitslosenzahlen hätten sich wieder aufs Ansteigen verlegt, die Renten wären womöglich noch unsicherer und mickriger geworden, als sie vorher schon gewesen waren, etc. etc. Das wäre dann der praktische Beweis dafür, daß es eben nicht die Zinsherrschaft ist, was das Wesen des Kapitalismus ausmacht ...

20. Zum Schluß ein dringender Rat an alle Linksgesellianer: Ihr müßt Euch schon entscheiden: Entweder Ihr wollt nicht von dem paradoxen Unterfangen Eures Meisters lassen, den Kapitalismus abschaffen zu wollen, ohne das Kapital selbst anzugreifen - dann solltet Ihr aber so konsequent sein und Eurem Ansinnen ehrlicherweise den Titel “Befreiung des Kapitalismus von der Zinsknechtschaft” geben; oder aber Ihr nehmt es mit der Kritik des Kapitalismus ernst - dann nehmt aber auch den Kapitalismus als System ernst und hört damit auf, ihn letztlich doch immer nur als Verzerrung oder Entartung eines Systems zu betrachten, dem Ihr lauter unwidersprechlich gute Zwecke unterstellt! Wir jedenfalls halten auch eine Gesellige Marktwirtschaft für eine ganz und gar nicht gesellige, sondern ausgesprochen ungemütliche Angelegenheit.

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