Gentleman (22.12.2014)

Daß es, wie Adorno sagt, kein richtiges Leben gebe im falschen - soll heißen: ein richtiges Einzelnes im verkehrten Ganzen eine Unmöglichkeit sei, da es als Einzelnes, als Teil vom Ganzen von dessen Verkehrtheit immer schon notwendig affiziert ist -, bedeutete nicht, der Gleichgültigkeit oder der Resignation das Wort zu reden, wenn man ein gegebenes Ganzes als Verkehrtes entlarvt hat: Man kann sich immer noch so oder so zu einem Zusammenhang stellen, in dem man sich befindet. Aber noch die tiefste Einsicht ins falsche Ganze und das redlichste Bemühen um eine senkrechte Konsequenz im Handeln aus solcher Einsicht vermögen Richtiges immer nur in gebrochener Weise hervorzubringen: Niemand ist eine Insel.

Beim Typus des (modernen) Gentleman im eigentlichen Wortsinne handelt es sich um eine - im Grunde literarische - Figur, in der ein Schimmer jenes Widerspruches aufleuchtet, der darin besteht, als Kritiker der Verhältnisse in ihnen zu leben und zu handeln, ohne die eigene Kritik zu verraten: Der aufrechte Gang, der intendiert wird, ist der eines Mannes, der nicht das Triumphale vertritt, sondern das Verlorene, das er nicht verloren geben will, der mithin seine Prinzipien gegen die Welt, der er sie letztlich entnommen hat, hochhält - im Bewußtsein dessen, daß diese Prinzipien ein utopisches Moment der Realität darstellen, die dieses Moment ein ums andre Mal zuschanden macht. Das Glücksversprechen der Aufklärung gegen ihre miese Wirklichkeit zu vertreten - eine Wirklichkeit, die selbst noch als Konsequenz der Aufklärung verstanden wird: an ebendiesem Widerspruch arbeitet der Gentleman sich ab, wissend, daß er, um aufrichtig und geradlinig zu sein, gar nicht anders kann, als wieder und wieder mit der allerbesten Aussicht auf Vergeblichkeit besessen daran sich abzumühen.

Die Persönlichkeit eines solchen Gentlemans mitsamt jener Widersprüchlichkeit findet einen angemessenen literarischen Ausdruck in den Romandetektiven eines Dashiell Hammett (Sam Spade, Nick Charles), eines Raymond Chandler (Philip Marlowe) oder eines Ross Macdonald (Lew Archer) und kann treffend beschrieben werden durch die Charakterisierung, mit der Chandler seine Detektivfigur Philip Marlowe in folgender Passage aus seinem Essay Die simple Kunst des Mordes bedacht hat:

“Alles, was man Kunst nennen kann, besitzt so etwas wie eine erlösende Qualität. Sie kann im rein Tragischen liegen, wenn es sich um große Tragödie handelt, sie kann in Mitleid bestehen und Ironie, und sie kann aus dem rauhen Lachen eines starken Mannes kommen. Aber durch diese schäbigen Straßen muß ein Mann gehen, der selbst nicht schäbig ist, der eine reine Weste hat und keine Angst. Der Detektiv in dieser Art Story muß so ein Mann sein. Er ist der Held; er ist schlechthin alles. Er muß ein ganzer Mann sein und ein gewöhnlicher Mann - und zugleich doch ein ungewöhnlicher auch. Er muß, um einen ziemlich abgedroschenen Ausdruck zu gebrauchen, ein Mann von Ehre sein - aus Instinkt, aus innerster Notwendigkeit, ohne Gedanken daran, und gewiß ohne Worte darüber. Er muß der beste Mensch auf der Welt sein und ein Mensch, der gut genug ist für jede Welt. Sein Privatleben schert mich wenig; er ist weder ein Eunuch noch ein Satyr; ich denke mir, er könnte sehr wohl eine Herzogin verführen, und ich bin völlig sicher, er würde keinem unschuldigen Mädchen ein Haar krümmen; wenn er in einer Beziehung ein Mann von Ehre ist, dann ist er das in allen Dingen.

Er ist ein relativ armer Mann, sonst wäre er ja nicht Detektiv. Er ist ein einfacher Mann, sonst könnte er nicht mit einfachen Menschen umgehen. Er hat Sinn für Charakter, sonst verstünde er nichts von seinem Beruf. Er nimmt von keinem Menschen schmutziges Geld und von keinem Menschen eine Beleidigung hin, ohne sie gebührend und leidenschaftlich zu vergelten. Er ist ein einsamer Mensch, und sein Stolz ist, daß Sie seinen Stolz respektieren, sonst würde es Ihnen bald sehr leid tun, ihn kennengelernt zu haben. Er redet, wie ein Mann seines Alters redet - das heißt, mit rauhem Witz, mit lebhaftem Sinn fürs Groteske, mit Abscheu vor Heuchelei und Verachtung für alles Kleinliche.

Die Story ist das Abenteuer dieses Mannes auf der Suche nach der verborgenen Wahrheit, und es wäre kein Abenteuer, widerführe es nicht einem Mann, der fürs Abenteuer geschaffen ist. Die Weite seines Bewußtseins wird Sie vielleicht etwas überraschen, aber sie gehört ganz legitim zu ihm, weil sie zu der Welt gehört, in der er lebt. Gäbe es genügend seinesgleichen, die Welt wäre ein Ort, so sicher, daß man darin leben könnte, und doch nicht so langweilig, daß es sich nicht mehr lohnte, darin zu leben.”
 
(Chandler, Raymond: Die simple Kunst des Mordes. Briefe, Essays, Notizen, eine Geschichte und ein Romanfragment, Zürich: Diogenes Verlag AG, 1975, S. 341 f.)

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