Die Siedlung Selegna Sol und das Grandhotel “En el precipicio” (17.04.2014)

Westküste der USA heute

Lange schon bevor die große westwärts ziehende Besiedlungswelle Mitte des 18. Jahrhunderts auf dem Gebiet der späteren USA die Westküste erreicht hatte, hatten im 16. Jahrhundert Auswanderer aus Europa von italienisch-spanisch-portugiesischer Abstammung etwa 18 oder 19 Meilen westlich der Stadt der Engel, unweit von Rocky Beach (???), die Küstensiedlung Selegna Sol gegründet. Das aus einem entsprechenden Sprachgemisch bestehende Idiom ist, wie die Siedlung selbst, längst schon untergegangen und nur noch schwer rekonstruierbar; so ist auch die Bedeutung des Siedlungsnamens, Selegna Sol, heute noch nicht wieder klar. Traditionell halten einige Sprachforscher diesen Namen für eine Verkürzung von ‘Selegna del Sol’, was etwa so viel wie ‘Mond/Mondschein/Mondgöttin der Sonne’ (vielleicht auch im Sinne von ‘Mond-/Mondschein-Siedlung (unter) der Sonne’ zu verstehen) heißt. Anderen dünkt das eine falsche Krücke: Sie insistieren darauf, daß ‘selegna’ ein adjektivisches Attribut zu ‘sol’ (‘Sonne’) sei; über die Bedeutung dieses Adjektivs sind sie sich aber keineswegs einig. Die einen sagen, es stehe für ‘mondlichtig’, die anderen, es meine etwas, was im Deutschen und in vielen anderen Sprachen nur mit der Partizipialkonstruktion ‘mondbeschienen’ wiedergegeben werden könne. Neuerdings erhält das “Del”-Lager Verstärkung durch einige wenige Sprachforscher, die dafür plädieren, in ‘selegna’ eine vulgäre, abgeschliffene Form von ‘salonia’ oder ‘salogna’ zu sehen, wobei ‘salonia’ bzw. ‘salogna’ für eine Ansammlung von Sälen steht. Und in der Tat haben Ausgrabungen und zahlreiche hie und da aufgetriebene Dokumente ergeben, daß das Haupt- bzw. Gemeindehaus, um welches die Siedlung herumgebaut worden war, aus einem gewaltigen Komplex von großzügig angelegten, weiträumigen Sälen bestanden haben mußte, ja einen regelrechten Palast darstellte. ‘Selegna (del) Sol’ könnte so etwa mit ‘Sonnenpalast’ übersetzt werden. Mit den anderen Fraktionen konnten die “Salonisten” immerhin inzwischen darin übereinkommen, daß die Möglichkeit bestehe, daß in ‘selegna’ als Bestandteil des Siedlungsnamens beide Bedeutungsfelder absichtlich zusammengeflossen seien. Nun, wie auch immer: Bei dem Haupthaus, diesem Palast inmitten der Siedlung, handelte es sich keineswegs um einen Herrschaftspalast. Die Einwohnerschaft war - das geht aus einigen Dokumenten hervor - vielmehr ziemlich egalitär organisiert: Die Produktion (im wesentlichen Fischerei und Handwerk) sowohl wie der Handel bzw. die Güterdistribution waren bedarfsorientiert eingerichtet, basierend auf einer Art Gemeineigentum; und die öffentlichen Angelegenheiten wurden im Haupthaus ebenso von den Bürgern debattiert wie man dort wohl auch alle die Siedlung betreffenden Entscheidungen von gleich zu gleich traf. Für die Umsetzung der Beschlüsse wurden anscheinend Räte eingesetzt, die den Bürgern gegenüber per imperativem Mandat verpflichtet waren. Ebenso stand das Haupthaus den Bürgern für etwelche Zwecke zur Verfügung: Feiern, Feste, Streitgespräche über Gott und die Welt ...

Den - inzwischen zum Teil über alle Welt verstreuten - Dokumenten, Selegna Sol betreffend, ist auch zu entnehmen, daß die Einwohner dieser Siedlung gewitzte Sophisten waren, die sich häufig - allerdings nie zum Selbstzweck - in Paradoxien auszudrücken beliebten und schon frühzeitig eine Art von Dialektik zur Höchstform entwickelt hatten, die der erst deutlich später ausgearbeiteten Hegelschen offenbar nicht ganz unähnlich war und in mancherlei Hinsicht wohl noch weit über sie hinausging. Zugleich scheinen sie, anders als Hegel, eine ziemliche Abneigung gegen Systeme gehegt zu haben. In einem der Dokumente findet sich so etwas wie ein Wahlspruch, ein Motto für das Denken dieses Menschenschlags: “Immer radikal - niemals konsequent.”

Ein Orkan fegte die Siedlung gegen Ende des 18. Jahrhundert hinweg, und eine Sturmflut direkt im Gefolge ließ fast den gesamten Küstenstrich, auf dem Selegna Sol gelegen war, mit Mann und Maus in den Tiefen des Pazifiks untergehen. Nur das aus Steinen erbaute Haupthaus und der Hügel, auf dem es errichtet gewesen war, blieben als Ruine und Trümmerfeld zurück - mitsamt einigen Überresten der direkt um das Haupthaus herum gelegenen Holzhäuser.

Auf einer Klippe in unmittelbarer Nähe der untergegangenen Siedlung ließ um die Jahrhundertwende (zwischen 19. und 20. Jahrhundert) herum ein nicht unvermögender Geschäftsmann, der dem Philosophieren recht zugetan war, das Grandhotel “En el precipicio” erbauen. Dieser Gentleman, William Hilmarsson mit Namen, Sohn der tschechisch-indisch-stämmigen amerikanischen Romanschriftstellerin Vitka Nirobes und eines aus Island eingewanderten Hochseeschiffahrtskapitäns, hatte Kunde erhalten von den philosophischen Eigentümlichkeiten der Einwohner von Selegna Sol und konnte sich dafür in hohem Maße erwärmen. Das große, in einem relativ schlichten Stil gehaltene, aber mit einer Menge an Renaissance-Elementen versehene und ausgesprochen komplexe Hotel sollte seiner Intention gemäß als Begegnungs- und Tagungsstätte für Menschen dienen, die sich der Idee verschrieben hatten, das eigentliche Ziel von Philosophie darüber zu erreichen, daß sie über die Interpretation der Welt hinaus zu deren ganz praktischer Veränderung getrieben werde - worüber die Philosophie zu ihrem Ende geführt werden sollte: zu ihrer Erfüllung ebenso wie zu ihrer Überwindung (eben in dieser ihrer Erfüllung).

Im Andenken an Selegna Sol und seine Einwohner nannte Hilmarsson einen ganz besonderen, nach Süden und gen Himmel hin fast vollständig verglasten Salon (!) ‘Selegna Sol’. Dieser Salon war weniger Tagungsraum als vielmehr eine Begegnungsstätte für kleine Grüppchen und zufällig zueinanderfindende Menschen. Eingerichtet war er in Art eines Cafés mit Restaurationsbetrieb. Dort konnte man durchaus auch ganz allein an einem der zahlreichen Tische sitzen, zu den verschiedensten Tages- und Nachtzeiten den Blick aufs Meer (1) und in den Himmel genießen und den eigenen Gedanken nachhängen, lesen oder schreiben - ganz ohne Verzehrzwang. Wer mochte, konnte auch durch eine Tür in der verglasten Südfront auf einen schmalen Balkon sich begeben, auf die “Terraza en el precipicio”, auf der man direkt über dem Abgrund schwebte.

Am 9. Februar 1971 wurde Hilmarssons Grandhotel Opfer eines wohl im Zusammenhang mit dem gleichentags ausgebrochenen San-Fernando-Erdbeben zu sehenden Seebebens, bei welchem die Klippe, auf der es gestanden hatte, wie auch weite Teile des umliegenden Ufers regelrecht aus der Küste herausgerissen und vom Ozean verschlungen wurden. Wie durch ein Wunder kamen dabei, anders als beim eigentlichen San-Fernando-Erdbeben, keine Menschen an Leib oder Leben zu Schaden, da sich zur betreffenden Zeit zufällig niemand in jener Gegend aufhielt.

(1) Man vergegenwärtige sich, daß westlich von L.A. die Westküste, von Süden her gesehen, einen starken Bogen nach “links” macht und dann ein gutes Stück weit wie eine Südküste verläuft.

 

Aus: Brandenburg, Mark: Wanderungen an der Westküste der USA, 4. Aufl., Lichtenfels-Dalwigksthal: Von Tane Verlag, 1981, S. 245 ff.

Das auf dieser Seite befindliche Bild steht unter GNU-Lizenz. Näheres erfahren Sie durch Klicken auf das Bild.

 

Startseite

Impressum